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Willi Daume : Der doppelte Geist

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„Der Geist von Willi Daume ist bei uns”: Rogge über die Führungsfigur des westdeutschen Sports (Foto: l., mit dem Vorsitzenden des Deutschen Turn- und Sportbunds der DDR, Manfred Ewald 1980 in Bonn) Bild: AP

Willi Daumes Wirken bewegt den Olympischen Kongress. Es steht die Frage im Raum, welche Rolle er beim „systemischen Doping“ in der Bundesrepublik spielte.

          Jacques Rogge fehlte 1981 beim Olympischen Kongress – es hat also nicht die komplette internationale Sportführer-Generation von heute vor dreißig Jahren in Baden-Baden klein angefangen. Immerhin bedauert der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) heute, dass er die Umwälzungen der badischen Herbsttage nicht miterlebt hat. „Mein Nationales Olympisches Komitee wollte mich schicken“, sagte der Belgier am Mittwoch in seiner Festrede zum 30. Kongress-Jubiläum am gleichen Ort im Benazet-Saal des Kurhauses. „Ich habe aber abgelehnt.“

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Stattdessen fuhr der damals noch aktive Segler zu den Weltmeisterschaften, wo ihm allerdings ein Mastbruch alle Chancen verdarb. Die Aktivensprecher beim XI. Olympischen Kongress, angeführt vom heutigen IOC-Vizepräsidenten Thomas Bach und dem Organisationschef der Londoner Spiele 2012, Sebastian Coe, hatten vergleichsweise mehr Erfolg. Sie wirkten mit an der Abschaffung des Amateurparagraphen und machten in scharfem Ton ihre ablehnende Haltung zum Doping deutlich. „Wir hatten den Eindruck“, sagte Bach am Mittwoch, „dass weder die Sportorganisationen noch die Öffentlichkeit den wahren Umfang der Bedrohung erkannt hatten.“

          Im Jahr 1981, mitten im Sport-Wettrüsten der beiden Lager des Kalten Krieges, forderten die Athleten eine lebenslange Sperre für Doper, außerdem für deren Trainer und Ärzte. Willi Daume, „unser großer Förderer“, wie Zögling Bach den einstigen Olympier und Dauer-Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) für Deutschland nennt, unterstützte die Athleten in ihren Forderungen, betrieb als Gastgeber die Einladung von 28 Sportlern zum Baden-Badener Kongress und sorgte dafür, dass sie sich dort ausreichend in Szene setzen konnten.

          Nach dreißig Jahren gemeinsam in Baden-Baden: Rogge (l.) und Bach

          „Der Geist von Willi Daume ist bei uns“, sagte Rogge in Baden-Baden. Er meinte damit natürlich die als Vordenker und Visionär gefeierte Führungsfigur des deutschen und internationalen Sports. Der 1996 gestorbene Multifunktionär geisterte allerdings auch in einem anderen Sinn durch die mit etwa dreihundert Gästen besetzten Reihen. Die vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) initiierte Aufarbeitung der westdeutschen Dopinggeschichte, deren Ergebnisse Anfang der Woche teilweise veröffentlicht wurden, treibt die Szene um.

          Tröger bringt kein Licht ins Dunkel

          Die Frage, welche Rolle Daume, von 1961 bis 1992 oberster deutscher Olympier, beim „systemischen Doping“ und der „subventionierten Anabolika-Forschung“ der siebziger und achtziger Jahre in der Bundesrepublik spielte, muss noch beantwortet werden. Walther Tröger, während Daumes kompletter Amtszeit sein Generalsekretär im NOK und 1992 sein Nachfolger als Präsident, wollte am Mittwoch in Baden-Baden kein Licht ins Dunkel bringen.

          Er wolle, sagte das 82 Jahre alte IOC-Ehrenmitglied, die Veröffentlichung des kompletten Berichts des Historiker-Gremiums abwarten. „Das Fehlen eines Gegensteuerns Daumes werten wir als billigende Mitwisserschaft, zumal Daume viele Unterlagen zum Doping erhielt und den Problembereich schon früh kennengelernt haben musste“, heißt es in dem Report, mit dem sich im Oktober das DOSB-Präsidium und der Sportausschuss des Bundestages beschäftigen werden. Rogge jedenfalls mahnte am Mittwoch zur Sorgfalt: „Es ist eine große Verantwortung, die Wahrheit zu prüfen. Wir brauchen harte Fakten und keine Spekulationen“, sagte er in Baden-Baden der Deutschen Presse-Agentur. Er vertraue darauf, dass der DOSB die richtigen Schlüsse daraus ziehen werde.

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