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Klagen im Sportausschuss : „Tödlich für den Reha-Sport“

Achillesferse: Kinder mit Behinderungen sind in der Regel vom Schulsport befreit. Bild: picture alliance/dpa

Die Energiekrise bedrängt den Behindertensport. An den Schulen fehlt das Equipment, um Kindern mit Behinderung Sport zu ermöglichen. Beim Thema „Safe Sport“ kommt es im Sportausschuss zum Streit.

          3 Min.

          Barrieren im Alltag und in den Köpfen können eine Krise im Sport Behinderter auslösen. Viele Menschen mit Behinderung würden abgeschreckt, weil es in Sportstätten und Sportvereinen an einer Willkommenskultur fehle, sagte Jürgen Dusel, der Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, am Mittwoch im Sportausschuss des Deutschen Bundestages. Die Pandemie hat das Pro­blem vergrößert.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Der Deutsche Behindertensportverband (DBS) verlor 2020 und 2021 rund 107.000 Mitglieder. Er hat, bei 13 Millionen Menschen mit Behinderung in Deutschland, derzeit knapp 491.000 Mitglieder. Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbandes VdK und vielfache Paralympics-Siegerin, forderte in ihrer Rolle als Vizepräsidentin des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), der Zugang zum Sport müsse als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden werden. Für viele Behinderte sei das vielfältige Angebot im Breitensport nicht Normalität. Die aktuelle Energiekrise werde noch dazu die Bemühungen um Teilhabe und Inklusion um Jahre zurückwerfen.

          Deshalb müsse der Behindertensport beim Bewegungsgipfel von Bundesinnen- und Gesundheitsministerium im Dezember eine herausgehobene Rolle spielen. Es werde nicht ausreichen, die Belange von Menschen mit Behinderungen nur mitzudenken, forderte Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS). Der Gipfel müsse langfristig zur Verbesserung von Teilhabeleistungen am Sport führen.

          Hindernisse beseitigen: Verena Bentele, Vizepräsidentin des DOSB, fordert einen leichteren Zugang von Behinderten zum Sport.
          Hindernisse beseitigen: Verena Bentele, Vizepräsidentin des DOSB, fordert einen leichteren Zugang von Behinderten zum Sport. : Bild: REUTERS

          Lediglich sieben Prozent der knapp 88.000 Sportvereine Deutschlands machen Angebote im Behindertensport; das sind knapp 6200. Nach einer Erhebung vor der Pandemie betreiben 55 Prozent der Menschen mit Behinderung nicht Sport. Die explodierenden Energiekosten drohen die Krise weiter zu verschärfen. „In Schwimmbädern die Temperatur zu senken oder die Bäder zu schließen“, sagte Julius Beucher, „wäre tödlich für den Reha-Sport.“

          Bentele und Beucher machten darauf aufmerksam, dass Menschen mit Behinderung von den gesetzlichen Krankenkassen nicht ausreichend mit Equipment, das ihnen Sporttreiben erst ermöglicht, ausgestattet werden. Betroffene würden in Einzelfällen bis zu drei Jahre um die Finanzierung von Hilfsmitteln wie Spezial-Rollstühlen streiten, berichtete Beucher. Es fehle an Beratungs- und Informationsleistungen. Bentele forderte, dass die Kassen Sport-Equipment nicht als Unterstützung des Hobbys, sondern als Ausstattung zur Gesunderhaltung verstehen sollten.

          Die schwierige Suche nach Athleten mit Behinderung

          Lediglich drei Prozent der Betroffenen werden mit Behinderung geboren; ganz überwiegend führen Krankheiten und Unfälle zu einer Behinderung. Schulen sind allerdings nicht nur deshalb weitgehend ungeeignet, Menschen mit Behinderung mit Sport in Berührung zu bringen. Beucher berichtete den Mitgliedern des Sportausschusses, dass der Datenschutz verhindere, dass der Behindertensportverband und die etwa 6500 Behindertensportvereine dort nach potentiellen Sportlerinnen und Sportlern suchen können. „Sport in der Schule ist die Achillesferse für Kinder mit Behinderung“, sagte Beucher. Schülerinnen und Schüler gingen an den Regelschulen verloren; noch dazu seien sie in der Regel vom Schulsport befreit. „Wir haben ein Problem mit der Athletenfindung“, sagte er: „Deshalb beschäftigt unser Verband inzwischen Scouts.“ Die Kultusminister ließen das Thema liegen.

          Beim Thema „Safe Sport“ wurde im Sportausschuss am Mittwoch eine Kontroverse zwischen Athleten Deutschland und dem organisierten Sport deutlich. Die Organisation der Spitzensportler betreibt seit Mai die unabhängige Anlaufstelle „Anlauf gegen Gewalt“. Bei dieser meldeten sich bis Ende Oktober 93 Hilfesuchende; insgesamt haben sich bei Athleten Deutschland und der Anlaufstelle rund 180 Betroffene gemeldet.

          Laut Auswertung der jüngsten Zahlen handelt es sich dabei überwiegend um aktuelle und ehemalige Sportlerinnen in Nationalmannschaften. Sie berichteten zu knapp 60 Prozent von wiederkehrenden Gewalterfahrungen im Sport. Maximilian Klein von Athleten Deutschland berichtete, dass nach dieser Erfahrung im Spitzensportsystem kein sicherer Mechanismus existiere, um Missstände effektiv und im Sinne der Betroffenen aufzuklären, unabhängige Untersuchungen einzuleiten und Konsequenzen zu ziehen. Zudem fehle es an Kompetenz, Ressourcen und Kapazitäten,

          Christina Gassner beharrte in ihrer Funktion als Geschäftsführerin der Deutschen Sportjugend darauf, dass diese und der DOSB zwar die geplante Einrichtung von „Safe Sport“ unterstützten, sofern der Staat dies finanziere, die Verbände aber die originäre Verantwortung zur Sicherstellung von Schutz vor Gewalt im Sport auf allen Ebenen der Sportverbände und -vereine sähen. Die Koalition hat sich vorgenommen, „Safe Sport“ aufzubauen.

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