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Rassismusdebatte in NFL : Ein mysteriöser Vorgang um eine große Kontroverse

  • -Aktualisiert am

Werden jetzt aus den Redskins die Redtails? Bild: dpa

Weil ein Sponsor Druck macht, denken die Washington Redskins über einen neuen Namen nach. Dabei schloss der Besitzer das mit scharfen Worten lange aus. Und auch Donald Trump mischt mit.

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          Eigentlich schien die Sache vor ein paar Jahren endgültig abgehakt. Das amerikanische Patentamt hatte zwar dem Antrag einer Angehörigen des Stammes der Navajo stattgegeben und dem Klub den Markenschutz entzogen. Der Grund: Einer Football-Mannschaft den Namen „Rothäute“ zu geben, verunglimpfe „eine beachtliche Kombination“ von Ureinwohnern des Landes. Also ging das Ganze bei den ordentlichen Gerichten durch die Instanzen, und eine Entscheidung des Supreme Court 2017 beendete den Streit.

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          Er entschied verbindlich, dass die Behörde gar nicht das Recht habe, sich in solch sensiblen Themenbereichen wie der Verwendung weit- verbreiteter Ethnophaulismen aus der amerikanischen Geschichte zum Schiedsrichter aufzuschwingen. Daniel Snyder, der Besitzer der Washington Redskins, war zufrieden. Denn er hatte zwischendurch die kämpferische Parole ausgegeben: „Wir werden niemals den Namen des Teams ändern. Niemals. Das können sie in Großbuchstaben schreiben.“

          Umso überraschender sind seit ein paar Tagen die Nachrichten von dem Team. Der neue Cheftrainer Ron Rivera etwa signalisierte öffentlich, dass er bereits seit einer Weile mit Snyder über eine Namensänderung rede. Es gebe sogar schon mehrere Vorschläge, ließ er gegenüber der „Washington Post“ durchblicken: „Zwei davon mag ich wirklich.“ Welche das sind, verriet der Coach, dessen Familie aus Puerto Rico stammt, allerdings nicht.

          Dem Vorgang haftet etwas Mysteriöses an. Snyder hat den Klub, dessen Marktwert heute bei mehr als drei Milliarden Dollar liegt, 1999 auf Pump zum Preis von 800 Millionen Dollar gekauft. Er gilt als eine der eigensinnigsten Figuren unter Amerikas schwerreichen Sportunternehmern. Er ist als Prozesshansel verschrien, der selbst harmlose Spötter mundtot zu machen versucht und notfalls vor Gericht zerrt, und ignoriert seit Jahren seinen schlechten Ruf. Dieser basiert unter anderem auf der miserablen sportlichen Bilanz seiner Interventionen in den Spielbetrieb. Das Team, das noch 1991 gut genug war, um den Super Bowl zu gewinnen, schaffte es seit seiner Übernahme mit Ach und Krach gerade viermal in die Play-offs der besten zwölf Mannschaften. Spätestens in der zweiten Runde kam das Aus.

          Doch die neu aufgeflammte landesweite Rassismusdebatte, die vom gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd im Gewahrsam der Polizei in Minneapolis ausgelöst worden war, scheint eine Energie zu entwickeln, die einen Teil der tektonischen Platten verschiebt, auf denen der kommerzielle amerikanische Sport seit hundert Jahren floriert. So wurde auch die Profiliga NFL mit der Kontroverse konfrontiert, deren Spieler – mehrheitlich schwarz – zu den ersten Sportlern gehörten, die 2017 in den Stadien gegen Polizeibrutalität demonstrierten.

          Der Druck auf Snyder und die Redskins kam nun aus einer neuen Richtung: von den Sponsoren. Das Transportunternehmen FedEx teilte in der vergangenen Woche überraschend mit: Man habe den Klub gebeten, sich von dem Wort „Redskins“ zu trennen. Der Weltkonzern hatte vor mehr als zwei Jahrzehnten die Namensrechte für das Stadion des Teams am Stadtrand von Washington erworben und dafür im Laufe der Zeit rund 200 Millionen Dollar bezahlt. Kurz darauf folgte ein stummes Echo von Seiten der Sportausrüster-Firma Nike. Sie nahm auf der Website, auf der sie Team-Trikots verkauft, die Redskins-Hemden aus dem Angebot.

          Die erste Reaktion im Klub-Management auf die Debatten wirkte zwar zaghaft, war aber nicht minder bemerkenswert. Man kündigte an, den Namen George Preston Marshall nicht länger in Ehren zu halten, sondern in die Archive zu verbannen. Der hatte das Team Anfang der dreißiger Jahre in Boston gegründet und war mit ihm 1937 in die Hauptstadt umgezogen. Der Grund für die plötzliche Umorientierung: Man konnte im gegenwärtigen Klima nicht länger ignorieren, dass Marshall ein Anhänger der Rassentrennung gewesen war und 1962 als Letzter in der National Football League den ersten schwarzen Profi unter Vertrag genommen hatte. Und das auch nur, weil sich die Bundesregierung eingeschaltet hatte.

          Daniel Snyder hat sich bislang nur vorsichtig zu den Entwicklungen geäußert. Seine Presseabteilung ließ offiziell verlautbaren, dass der Klub „im Licht der jüngsten Ereignisse in unserem Land“ die weitere Nutzung des alten Namens „gründlich überprüfen“ werde. Ein Verfahren, in das auch die NFL involviert sein wird. Der Eigentümer ließ sich in der schriftlichen Erklärung mit den Worten zitieren: „Dieser Ablauf gestattet dem Team, nicht nur seine stolze Tradition und Geschichte in Betracht zu ziehen.“ Man werde auf diese Weise auch den Input von ehemaligen Spielern, Mitarbeitern, Sponsoren, der Liga und der Menschen in und um Washington einbeziehen. Eine Mitteilung, die die Sportausrüsterfirma Nike begrüßte: „Wir sind froh, dass die Mannschaft einen ersten Schritt Richtung Veränderung unternimmt.“

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          Neubenennungen sind für den Sport in den Vereinigten Staaten im Allgemeinen und die Stadt Washington im Speziellen nichts Ungewöhnliches. So wurde das NBA-Team, das ursprünglich aus Baltimore kam und Bullets hieß, auf dem Höhepunkt einer Mordwelle in der Stadt 1997 in Washington Wizards umgetauft. Die Initiative ging vom damaligen Klubbesitzer Abe Pollin aus, einem Freund des israelischen Premierministers Yitzhak Rabin, der 1995 in Tel Aviv ermordet worden war. Die tödlichen Schüsse gaben ihm den entscheidenden Anstoß. „Das Wort ,Bullets‘ ist unpassend für einen Sportklub“, sagte er.

          Welche Lösung man für die Redskins finden wird, bleibt Spekulation. Offensichtlich gibt es aber bereits einen Favoriten. Er lautet „Redtails“ und geht auf den Spitznamen einer Luftwaffeneinheit aus dem Zweiten Weltkrieg zurück, dem Jagdgeschwader der Tuskegee Airmen, das aus ausschließlich schwarzen Piloten bestand, weil die Streitkräfte in jenen Jahren ihre Einheiten streng nach Hautfarbe getrennt aufstellten. Die jungen Flieger wurden bei Einsätzen in Europa und Nordafrika hochdekoriert. Quarterback Dwayne Haskins ließ bereits auf Twitter seine Sympathien für eine solche Lösung durchblicken: „Ich mag Redtails“, schrieb er. „Allerdings nur, wenn sie gezwungen sind, den Namen zu ändern.“

          Nun mischt auch der amerikanische Präsident mit. Donald Trump äußerte sich kritisch zu möglichen Namensänderungen bei großen Sportmannschaften im Zuge der Rassismusdebatte. Bei Twitter schrieb Trump am Montag dazu, man benenne Teams aus einer Stärke heraus und nicht einer Schwäche. Nun sehe es so aus, als würden die Washington Redskins und die Cleveland Indians ihre Namen ändern, um sich politisch korrekt zu verhalten.

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