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Traditioneller Antagonismus : Was sind eigentlich Frauen?

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Caster Semenya Bild: AP

Sind Frauen Menschen, die Kinder kriegen, ihre Tage kriegen, in der Stunde ein Fünftel weniger verdienen als Männer? Schwierige Fragen, sogar am Muttertag. Nur im Sport konnte man verlässliche Angaben machen. Doch die Lage hat sich verkompliziert.

          Was sind eigentlich Frauen? Sind das Menschen, die ihre Tage haben? Die Kinder kriegen? Die zu Hause aufräumen? Die in der Stunde ein Fünftel weniger verdienen als Männer? Schwierige Fragen, sogar am Muttertag. Nur wenn es um Leistungssport geht, konnte man lange Zeit verlässliche Angaben machen: Frauen sind Menschen, die in den Frauenwettbewerben starten. Weil aber schon lange nicht mehr vertretbar ist, dass Frauen sich nackt von einer Kommission begutachten lassen müssen und nur bei Nichtvorfinden männlicher Geschlechtsmerkmale zum Wettkampf zugelassen werden, hat sich die Lage kompliziert.

          Hier Männer – da Frauen, so ist es zwar heute noch im Sport und in den großen Religionen. Aber ob das im Sport so weitergehen kann, ist seit dem Auftauchen der intersexuellen 800-Meter-Läuferin Caster Semenya, die nicht aufhört, die Leichtathletik aufzumischen, fraglich geworden. Der traditionelle Antagonismus erscheint überholt, obwohl hinter ihm einer der fundamentalen Werte des Sports steht: Fair Play. Oder auch: Chancengleichheit.

          Semenyas natürlichen Leistungsvorteil, eine Art Turbo durch eine abnorme Testosteronausschüttung, kann keine normale Frau durch Training annähernd wettmachen. Aber Ärzte und Juristen sind sich einig: Sie ist eine Frau. Die müssen es ja wissen – und lassen uns doch ratlos zurück mit Fragen, die weit über den Sport hinausreichen. Klar ist: Frauen müssen sich ohnehin schon ihr Leben lang mit den Auswirkungen des männlichen Testosteron-Levels arrangieren. Männer sind tendenziell stärker und offensiver als sie. In manchen Bereichen soll eine Frauenquote das wettmachen. Dass sich auch eine intersexuelle Bewerberin auf die Frauenquote berufen kann, ist da wohl selbstverständlich.

          Am Arbeitsplatz ist die Biologie aber auch Nebensache, und es werden keine Siegerinnen aufs Podest gestellt. Im Leistungssport sind die Frauenwettbewerbe eine Schutzzone für körperlich Schwächere. Jeder weiß zwar, dass auch innerhalb der klassischen Starterfelder physische Unterschiede bestehen. Die einen sind groß, die anderen klein, die einen ausdauernd, die anderen machen schneller schlapp, die einen sind geschickt, die anderen dagegen linkisch. Doch für jedes Format gibt es eine geeignete Sportart, manche sogar in Gewichtsklassen unterteilt. Davon einmal abgesehen, dass ohnehin oft die attraktiven Blondinen zu den bestbezahlten Stars der Branche werden, selbst wenn sie niemals eine Medaille gewinnen. Das Leben ist ungerecht.

          Leider hat der Internationale Sportgerichtshof im Fall Semenya ein so beschränktes, ja haarsträubendes Urteil gefällt, dass es wohl nicht lange Bestand haben wird. Semenya soll sich auf einen reduzierten Testosteron-Wert herunterdopen. Damit ist nichts geklärt. Man kann ja wohl nicht verlangen, dass jemand im Namen der Chancengleichheit seine natürlichen Chancen mindert. Sonst könnte man ja gleich eine Menge Aufwand sparen im Leistungssport, die Wettbewerbe für Männer und Frauen zusammenlegen und von den Männern verlangen, im Namen der Chancengleichheit ihren Testosteronspiegel medikamentös auf Frauen-Level zu senken. Den Aufschrei, der dieser vermeintlichen Fair-Play-Maßnahme folgen würde, wollen wir nicht hören, weder den von der einen noch den von der anderen Seite.

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