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Lockerungen für den Sport : Noch ist die Kritik leise

Im Freien: Wann geht es zurück auf die Fußballplätze? Bild: Wonge Bergmann

Der Sport hatte sich von Kanzlerin und Ministerpräsidenten mehr Öffnung gewünscht. Mit den neuesten Beschlüssen sieht man nun viele praktische Probleme auf sich zurollen.

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          Und was ist jetzt erlaubt? In den vergangenen Tagen und Wochen hatte der organisierte deutsche Sport mächtig Lobbyarbeit in eigener Sache betrieben: Zurück auf den Platz! Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) schrieb einen Brief an die Kanzlerin, der Deutsche Fußball-Bund (DFB) mahnte, auch an die Millionen Kicker im Wartestand zu denken, wenn die Regierungschefin mit den Länder-Bossen über eine Öffnung berate.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Die Interessengemeinschaft der großen Ballsport-Verbände warb wortgewaltig um ein Freispiel der Kinder. Sportpolitiker in den Verbänden baten und flehten, ihnen doch Gehör zu schenken. In der Nacht zu Donnerstag schienen sie erhört. Angela Merkel sprach in der Pressekonferenz – auch vom Sport. Der fühlt sich nach dem ersten Blick auf den Öffnungsplan mit Sportbeteiligung in der dritten Stufe vom 8. März an (siehe Grafik) halbwegs ernst genommen. „Zunächst bin ich zufrieden“, sagte Ingo Weiss, Sprecher der Spitzenverbände im DOSB, „dass über den Sport überhaupt gesprochen worden ist in der Runde. Das war ja nicht immer der Fall.“

          Leise Kritik wurde in den ersten Sätzen überlagert von halbwegs höflichen sportdiplomatischen Formulierungen aus der Zentralsiedlung des deutschen Sports in der Frankfurter Otto-Fleck-Schneise. DOBS-Präsident Alfons Hörmann will einen „ersten Hoffnungsschimmer“ erkannt haben, dem das Ende der „verordneten Bewegungslosigkeit unserer 90.000 Vereine und der 28 (sic!) Millionen Mitglieder“ bald folgen möge.

          „Es geht voran“

          DFB-Präsident Fritz Keller sprach von einem „ersten Schritt“ auf einem „richtigen Weg“. Weiss glaubt an eine zügige Entwicklung nach Ostern: „Immerhin. Es geht voran.“ Alle scheinen jedoch mehr oder weniger einig, dass die Runde in Berlin dem Sport mehr Spielraum hätte bieten können. „Ich hätte mir mutigere Öffnungsschritte gewünscht, da beim Fußball nachweislich nur sehr kurze Kontaktzeiten auftreten und gemäß wissenschaftlicher Untersuchungen ein äußerst geringes Infektionsrisiko besteht“, ließ sich Keller zitieren. So denken auch Basketballfunktionäre wie Weiss, die Handballer, die Hockeyszene, von den Individualsportarten ganz zu schweigen.

          Im Wohnzimmer: Kinder machen die Übungen des Youtube-Kanals von Alba Berlin nach.
          Im Wohnzimmer: Kinder machen die Übungen des Youtube-Kanals von Alba Berlin nach. : Bild: Stefan Finger

          Mit der Nähe zur Basis gewann dann die kritische Würdigung des Berliner Beschlusses durch Sportfunktionäre an Profil. Rainer Koch, als Vizepräsident im DFB für die Amateure zuständig, betrachtet die Öffnung als „überraschend“ klein und die Handlungsanweisung als auffällig abstrakt: „Selbst für diese Schritte fehlen aktuell klare Regelungen für die Praxis.“

          Viele offene Fragen

          Die Experten wussten am Donnerstag nicht genau, was Kanzlerin und Ministerpräsidenten ihnen erlaubt haben. „Die Verantwortlichen in den Landesregierungen“, fordert Koch, „dürfen unsere Vereine jetzt nicht im Regen stehen lassen, sondern müssen unmissverständlich formulieren, was in welcher Form für das Fußballtraining erlaubt ist.“ Der Bayerische Fußball-Verband suchte etwa nach der „Definition von Kontaktsport“, um seinen Vereinen erklären zu können, ob es am 8. (Kein Kontaktsport draußen) oder erst am 22. März (Kontaktsport draußen erlaubt) losgeht mit Training.

          Bild: F.A.Z.

          Weit weg noch, aber unvermeidbar rollen Problemfälle auf den Sport zu. Was, wenn in Zeiten des Wettkampffußballs auf Amateurebene ein Spieler aus einem Landkreis mit einem Inzidenzwert über 50 zum Team eines Stadtkreises mit Inzidenzwert unter 50 gehört?

          Boris Schmidt arbeitet täglich an der Basis. Er ist unter anderem als Vorsitzender des Hamburger Großvereins TSG Bergedorf mit dem Alltagsproblemen vertraut. „Super“, sagt er, „ist der Stufenplan nicht. Der war längst überfällig. Den hätten man viel früher haben können.“ Ihm seien die Entscheidungen nicht differenziert genug, zu pauschal. Was meint er?

          Der Blick für das Machbare

          Den Blick der Politik für das Machbare: „Die Kanzlerin hat von den Schnelltests und den Impfungen gesprochen, die uns jetzt zur Verfügung stehen. Warum ist uns dann weniger erlaubt als vor einem Jahr? Wir werden ein Testzentrum in einer unserer Sporthallen einrichten. Wer negativ getestet ist, könnte doch auch Indoor-Sport machen. Wir werden in den nächsten Monaten vermutlich an einigen Tagen der Woche nur Geimpfte einlassen. Warum nutzen wir diese Mittel nicht?“ Schmidt, Vorsitzender des Freiburger Kreises, der Interessegemeinschaft der Großvereine in Deutschland, bezieht sich auch auf die Kultur, die Gastronomie. „Wer keinen Schnelltest machen will, wer sich nicht impfen lassen will, kann halt keinen Sport machen bei uns oder ins Restaurant gehen. Wir sollten mehr erlauben, zumal es die Hygienekonzepte vom Sport schon lange gibt und sie nun erweitert werden können, wenn wir alle Möglichkeiten nutzen.“ Dann könnte das kleine Bewegungsbad seines Vereins von einer Familie nach Absprache zu einem bestimmten Zeitpunkt für eine Stunde genutzt werden. Es bleibt weiterhin geschlossen.

          Was hinter den Öffnungsklauseln steckt, muss sich der Sport erarbeiten. Glaubt er dem SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach, dann sollte die Hoffnung nicht zu groß sein. Die Beschlüsse, behauptet der Rheinländer, kämen „fast gar nicht zum Tragen“. Lauterbach sagt einen Anstieg der Inzidenzen voraus. Spätestens von April an sieht er sie bei über 100. Das könnte schon passieren, wenn Millionen Sportler Schnelltest machen (siehe Grafik, Schritt fünf) und die Dunkelziffer heller wird.

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