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Betrugsvorwürfe gegen Russland : Eine Schutzklausel für Olympia

Kaum erreichbar – für Doping-Kontrolleure: Hochspringer Danil Lyssenko, hier 2018 bei den Hallen-Weltmeisterschaften in Birmingham Bild: AFP

Trotz der Betrugsvorwürfe ist ein Ausschluss einer ganzen russischen Mannschaft von den Sommerspielen 2020 unwahrscheinlich. Darauf deutet die Aufweichung der Kriterien hin.

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          Die Lage in Moskau? „Wir sind nicht in sonderlich fröhlicher Stimmung“, sagt Julija Tarasenko auf den Bildern der Nachrichtenagentur AFP am Samstag. „Die Lage ist sehr schwierig.“ Julija Tarasenko war gerade aufgestiegen: Von der Chefin des Regionalverbandes von Sankt Petersburg zur einstweiligen Präsidentin des Russischen Leichtathletikverbandes. Ihr Vorgänger Dmitrij Schljachtin hatte kurz zuvor seinen Rücktritt bekannt gegeben, nach drei Jahren an der Spitze als selbsternannter Reformer. Seine Hauptaufgabe sei, sagte der damals, das Vertrauen in die russische Leichtathletik wieder herzustellen. Diese Aufgabe ist Schljachtin spektakulär misslungen.

          Wie groß das Misstrauen in die russische Leichtathletik heute ist, bringt Marija Lassitskene auf den Punkt, russische Leichtathletin, dreimal Hochsprung-Weltmeisterin: „Sie haben Schljachtin gegen Schljachtin getauscht. Tarasenko ist Schljachtins Schützling, sie muss den Verband sofort verlassen, wie seine anderen Freunde“, wird sie von der Nachrichtenagentur Tass zitiert: „Ich möchte allen gratulieren, die diese Ernennung durchgedrückt haben. Gut gemacht, die Operation zur Eliminierung der russischen Leichtathletik ist abgeschlossen.“

          Im November 2015 hatte der Internationale Leichtathletik-Verband (IAAF) die Russen suspendiert wegen des Doping-Programms, dass sich als größtes bekanntes staatlich betriebenes Sportbetrugssystem seit dem der Deutschen Demokratischen Republik herausstellte. Nun, vier Jahre später, sind sie nicht nur weiterhin suspendiert, sondern der Prozess zur Wiedereingliederung ist ausgesetzt. Das beschloss der Rat des Internationalen Leichtathletikverbandes am Freitag. Schljachtin und seiner Verbandsführung wird vorgeworfen, als Betrüger tätig geworden zu sein im Fall des Hochspringers Danil Lyssenko. Lyssenko, als neutraler, vermeintlich sauberer Athlet wie Marija Lassizkene bis 2018 startberechtigt bei internationalen Wettkämpfen, hatte gefälschte Atteste und imaginierte Ärzte angegeben, um seinen Status zu retten – unter tätiger Mithilfe der Verbandsspitze, wie die Ermittler des internationalen Verbandes behaupten. Und so werden die russischen Leichtathleten wohl auch die zweiten Olympischen Sommerspiele in Serie verpassen. Im kommenden Sommer in Tokio dürften nur die starten, die ihren „neutralen“ Status erhalten können.

          Julija Tarasenko vor russischen Medien

          Müssen nur Leichtathleten zuhause bleiben? Oder wird es gar keine russische Olympia-Mannschaft geben, wie in Pyeongchang 2018 bei den jüngsten Winterspielen? 168 russische Wintersportler traten ohne Flagge als Olympische Athleten aus Russland an. Ebenfalls am Freitagabend hatte die Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) mitgeteilt, dass die damit befasste Kommission empfehle, die russische Anti-Doping-Agentur Rusada wieder als „non-compliant“, also vertragsbrüchig einzustufen. Die Wada-Ermittler, die sich mit den Daten aus dem Moskauer Anti-Doping-Labor befasst haben, mit denen eigentlich weitere Fälle des staatlich inszenierten Betrugs aufgedeckt werden sollen, wollen festgestellt haben, dass diese teilweise manipuliert worden sind. Damit verletze die Rusada in einem entscheidenden Kriterium ihre Pflichten, entschied das „Compliance Review Committee“ unter Vorsitz des britischen Kronanwalts Jonathan Taylor. Sollte die Wada-Exekutive der Kommission bei ihrer Sitzung am 9. Dezember in Paris folgen, „werden die Athleten, die dieses Land repräsentieren, von der Teilnahme an und der Anwesenheit bei den nächsten Olympischen Spielen ausgeschlossen“, wie es in Abschnitt B.3.1 (d) (2) des geltenden Wada-Regelwerks für Vertragspartner des internationalen Anti-Doping-Kodex heißt.

          Olympia in Tokio also ganz ohne Russland?

          Abwarten. „Das Compliance Review Committee hat die juristische Fronarbeit gemacht, das erscheint mir sehr fundiert und klar“, sagt Lars Mortsiefer, Vorstand der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada) in Bonn. Die Entscheidung liegt bei der Wada, weiterhin und noch bis Jahresende geführt von Craig Reedie, dem Schotten, Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees, dessen Vizepräsident bis 2016. Der russische Skandal habe die Wada vor allem gelehrt, behauptete er beim Anti-Doping-Gipfel Anfang des Monats in Kattowitz, dass sie nicht ausgerüstet war, mit einem Betrug solchen Ausmaßes umzugehen. Nun ist sie es.

          Oder scheint es nur so? Thomas Bach, Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), sagte erst am vergangenen Montag gegenüber Reportern der Nachrichtenagentur Associated Press: „Wir sorgen uns um unser Prinzip: Die Schuldigen müssen so hart wie möglich bestraft werden, die Unschuldigen müssen geschützt werden.“ Bachs Haltung hat sich nie grundlegend geändert: er ist gegen einen Länderbann. Sollte die Wada Russland ausschließen, auch das sagte der IOC-Chef, werde Russland vor das Internationale Sportschiedsgericht Cas in Lausanne ziehen, wieder einmal. Spätestens dann wird es auch darum gehen, wer eigentlich die Daten manipuliert hat, die aus dem Moskauer Labor an die Wada überreicht wurden. Unterschrieben ist der Wada-Kodex von der Rusada und dem Olympischen Komitee Russlands, sie sind durch ihn gebunden. Aber was geschieht, falls sich herausstellt, dass der Staat, der der Wada bis Anfang 2019 den Zugang zum Labor ins Moskau verwehrte, von Anfang bis Ende die Fäden zieht und nicht der Sport?

          Zudem ist die derzeit geltende Rechtsfolge des Olympia-Ausschlusses für Athleten, deren Anti-Doping-Agenturen in einem entscheidenden Kriterium „non-compliant“ sind, wieder aufgeweicht worden. Das geht aus dem vom 1. Januar 2021 an geltenden Wada-Kodex hervor. Das überarbeitete Regelwerk, das Anfang November in Kattowitz verabschiedet wurde. Demnach müssen in solchen Fällen künftig nur Funktionäre ausgeschlossen werden von Olympischen Spielen und internationalen Wettkämpfen. Sportler können zwar ausgeschlossen werden – aber nur von Wettbewerben, die nicht die Olympischen Spiele sind.

          Nada-Jurist Mortsiefer sagt, noch gelte der jetzige Kodex. Dessen Anwendung sei „legitim“: „Die Regel wird durch die Neufassung nicht konterkariert.“ Eines aber sei klar: während die Wada nun – wieder einmal – Rechtsfortbildung mit ungewissem Ausgang betreibe, stehe der Internationale Leichtathletikverband, sagt Mortsiefer, mit dem seit vier Jahren geltenden Ausschluss „deutlich fundierter und rechtssicherer da“.

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