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Sportpolitik-Kommentar : Angriff auf den Cas

  • -Aktualisiert am

Claudia Pechstein bei den Olympischen Spielen 2018 in Südkorea. Bild: dpa

Ein Gerichtsurteil aus Belgien könnte die komplette Sport-Rechtsprechung ins Wanken bringen. Das würde wohl Eisschnellläuferin Claudia Pechstein entgegen kommen. Sie klagt derzeit vor dem Bundesverfassungsgericht.

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          Unvergessen ist, was im Februar in Pyeongchang geschah. Da wetterte Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und alleroberste Chefjurist des olympischen Sports, gegen ein Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs Cas, das ihm nicht passte. Das Gericht müsse „dringend reformiert werden“, forderte er. Es müsse „seine Struktur ändern“. Und alle, die bisher geglaubt hatten, was die Sportorganisationen immer behaupteten, nämlich dass der Cas eine vollkommen unabhängige Instanz sei, horchten auf. Wie bitte? Kommt hier etwas bisher sorgfältig Verborgenes ans Licht? Erwartet Bach, dass der Cas in seinem Sinne urteilt? Und will ihn im Weigerungsfalle zur Strafe umbauen lassen? (Tatsächlich wurde er ja 1984 vom IOC erfunden.)

          Unter diesem Blickwinkel, und nur unter diesem, hat ein Brüsseler Appellationsgericht Bach vergangene Woche recht gegeben. Dort wurde entschieden: Der Cas ist nicht unabhängig, weil er von den internationalen Sportverbänden finanziert wird. Kritiker sagen das schon lange. Sie bemängeln auch, dass der Cas-Präsident John Coates ein hochrangiges IOC-Mitglied ist. Dass die Auswahl der Richter manipuliert werden könnte – laut einer kürzlich von der ARD zitierten schwedischen Studie wurde bis 2014 ein kleiner Kreis unter den 400 Cas-Richtern bei der Vergabe von Aufträgen auffallend bevorzugt. Dass es Interessenskonflikte geben könnte. Dass der Generalsekretär zu viel Einfluss nehmen könnte.

          Doch bisher wurde der Cas als letzte Sport-Instanz überall anerkannt. Was zum Beispiel dazu führt, dass Sportler, die sich von den Verbänden ungerecht behandelt fühlen, sich weigern, eine Athleten-Vereinbarung zu unterschreiben, in der sie sich verpflichten, auf den ordentlichen Rechtsweg zu verzichten – und damit ihre Karrieren gefährden.

          Diese Verpflichtung, Streitigkeiten zwischen Spielern, Vereinen und Verbänden vor dem Cas zu regeln, sei rechtswidrig, sagte das Brüsseler Gericht nun. Eigentlich geht es um eine Auseinandersetzung zwischen dem belgischen Fußballklub FC Seraing und dem Fußball-Weltverband. Der Fall ist noch nicht entschieden. Aber der Spruch bezüglich des Cas könnte Folgen haben. Zumindest werden andere Gerichte das Urteil im Rahmen eigener Entscheidungen zur Kenntnis nehmen.

          Zum Beispiel das Bundesverfassungsgericht, vor dem die Eisschnellläuferin Claudia Pechstein klagt, weil sie vom Weltverband für ihre vom Cas verhängte Doping-Sperre entschädigt werden will. Noch gibt es für diese Verhandlung keinen Termin. Sollte die belgische Auffassung von anderen Richtern geteilt werden, käme allerdings die komplette Sport-Rechtsprechung ins Wanken.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

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