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Kommentar zu IOC und Aiba : Nur Schattenboxen

Der deutsche Boxer Silvio Schierle (rechts) kämpft 2017 bei den Aiba World Boxing Championships in Hamburg gegen den türkischen Boxer Birol Aygun. Bild: Picture-Alliance

Das Internationale Olympische Komitee droht dem Box-Weltverband mit dem Ausschluss, sollte der Usbeke Rachimov zu dessen Präsidenten gewählt werden. Doch die Ursache des Problems liegt tiefer.

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          Olympia schützt die Träume unschuldiger Athleten. Auf Verfehlungen von Verbänden und ihren Anführern dagegen wird mit aller Härte reagiert. So wirkt es beim Blick auf die Jahrtausende alte Kunst des Faustkampfes, und so soll es auch aussehen. Thomas Bach und sein Internationales Olympisches Komitee (IOC) drohen dem Box-Weltverband Aiba mit Ausschluss von Olympia für den Fall, dass dessen Vollversammlung Anfang November in Moskau ihren Interimspräsidenten Gafur Rachimov auf Dauer ins Amt wählt.

          Das wird schwierig für die Delegierten. Die Sanktionsliste des amerikanischen Finanzministeriums führt den ehemaligen Boxer aus Usbekistan zwar als Unterstützer und Geschäftspartner der organisierten Kriminalität in den einstigen Sowjetrepubliken, der sogenannten „Diebe im Gesetz“. Von Erpressung und Autodiebstahl solle er zu einem der führenden Kriminellen Usbekistans und einem internationalen Heroinschmuggler aufgestiegen sein. Doch er ist der einzige Kandidat für die Nachfolge des vor einem Jahr wegen, sagen wir: schwerer Misswirtschaft gestürzten Wu Ching-Kuo aus Taiwan.

          „Ich glaube, Boxen ist tot“

          Der Ausschluss der Aiba – dem die Einstellung der finanziellen Förderung vorausgegangen ist – soll nicht der Schaden der Athleten sein. Auch ohne Verband sollen an den Spielen 2020 Boxerinnen und Boxer teilnehmen. Das wird kein Spaß für das IOC, Qualifikation und Kampfwertung selbst zu besorgen. Amateurboxen stinke vom Kern bis an die Spitze, rief bei den Spielen von Rio der irische Boxer Michael Conlan, als er Opfer eines Fehlurteils wurde: „Ich glaube, Boxen ist tot.“ Alle 36 Ring- und Punktrichter von Rio wurden nach den Spielen suspendiert.

          Schon bei den Winterspielen von Pyeongchang ließ das IOC vermeintlich unschuldige russische Teilnehmer ihre olympischen Träume realisieren und schloss zugleich das Russische Olympische Komitee mitsamt Flagge und Hymne aus. Seitdem ist alles wieder gut; das IOC hat einen Schlussstrich gezogen und die Russen wieder zugelassen.

          Will es so auch gegenüber der Aiba verfahren? Noch vor einem Jahr weigerte sich das IOC, denen in der Welt des Boxens beizuspringen, die das IOC-Mitglied Wu stürzen wollten. Rachimow ist seit Jahren Vizepräsident des Verbandes, und er ist nicht der einzige dubiose Sportfunktionär. Doch vielleicht ist dies ein Zeichen eines neuen Anspruchs. Viel zu viele Verbände sind unter die Räuber gefallen. Statt der Mahnung von Ethik-Beauftragten sollte es Ermittlungen staatlicher Staatsanwaltschaften geben wie die gegen das einstige IOC-Mitglied Lamine Diack wegen vertuschter Doping-Fälle in der Leichtathletik, wie im Fußball mit seinen unfassbaren Schmiergeldsummen. Und, nicht zuletzt, wie beim Stimmenkauf von Bewerbern um Olympische Spiele. Warum bloß hat man so ein Gefühl von Inkonsequenz, wenn das IOC mit Sanktionen droht?

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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