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„Warmer Krieg“ : Liebesgrüße nach Moskau

Eiskunstläufer Johnny Weir: „Blödheit ist vollkommen im Rahmen des Gesetztes“ Bild: AFP

Die russische Homophobie wühlt den internationalen Sport auf. Das IOC verbietet Sportlern, für die Rechte Homosexueller einzutreten. Die Fifa verlangt Aufklärung. Und der Bundesaußenminister warnt. Ein Frontbericht vom „warmen Krieg“.

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          Jelena Isinbajewa wartet darauf, dass ihr Freund ihr endlich einen Heiratsantrag macht. Er wird ja wohl bald kommen. Schließlich trifft sich das Lebenskonzept der Stabhochspringerin zu einhundert Prozent mit dem russischen Ideal. „Bei uns leben Männer mit Frauen, Frauen mit Männern“, erklärte sie dieser Tage bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Moskau. Probleme mit Homosexuellen habe man hier nicht, und wer die Gesetzgebung in ihrem Land kritisiere - die Homosexuelle diskriminiert -, der sei „nicht respektvoll gegenüber unserem Land und unseren Menschen“. Mit diesem Urteil wollte sie zum Beispiel den Amerikaner Nick Symmonds treffen. Und die Schwedinnen Emma Green und Moa Hjelmer.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Ginge es nach den Buchstaben des russischen Gesetzes, müssten die drei nämlich jetzt eigentlich im Gefängnis sitzen, statt internationalen Medien Interviews zu geben. Wenn man voraussetzt, dass diese Woche nicht alle Zuschauer im Luschniki-Stadion über 18 Jahre alt waren, haben sie nämlich „Handlungen zur Popularisierung der nichttraditionellen sexuellen Beziehungen in Bezug auf Minderjährige“ begangen. Der 800-Meter-Läufer Symmonds widmete seine Silbermedaille seinen schwulen Freunden. Und die beiden Schwedinnen, die eine Hochspringerin, die andere Sprinterin, haben ihre Fingernägel in den Farben des Regenbogens lackiert. Klarer Fall von „Popularisierung der Attraktivität der Homosexualität“.

          Fingernägel-Farbspektakel von Hochspringerin Emma Green: Popularisierung nicht-traditioneller Sexualität?
          Fingernägel-Farbspektakel von Hochspringerin Emma Green: Popularisierung nicht-traditioneller Sexualität? : Bild: dpa

          Dafür können sie in Isinbajewa-Land für 15 Tage festgenommen und danach des Landes verwiesen werden, zusätzlich könnten die Behörden ihnen noch 100.000 Rubel Geldstrafe abknöpfen, also etwa 2277 Euro. Das Gesetz, das all dies ermöglicht, hat Staatspräsident Wladimir Putin im Juni persönlich unterschrieben. Isinbajewa liegt ganz auf seiner Linie, auch wenn sie später einen wenig überzeugenden Abschwächungsversuch startete.

          „Blödheit im Rahmen des Gesetzes“

          „Der Umgang mit Homosexuellen in Russland ist nicht akzeptabel“, machte am Freitag Bundesaußenminister Guido Westerwelle gegenüber dieser Zeitung klar. Trotzdem werden Sportler aller Nationen, die zu Wettkämpfen nach Russland entsandt werden, dieser Gesetzgebung ausgesetzt. Der nächste große Test, ob die russischen Behörden sich an Sportlern, die „Homo-Propaganda“ machen, vergreifen werden, sind die Olympischen Winterspiele im Februar 2014 in Sotschi mit Isinbajewa als Bürgermeisterin des Athletendorfes, 2018 wird die Fußball-Weltmeisterschaft dann im ganzen Land ausgetragen. „Eine Diskussion über Olympiaboykotte“, erklärte Westerwelle, der mit einem Mann verheiratet ist, halte er dennoch „für kontraproduktiv“. „Sport soll und kann Brücken bauen und Raum für Dialog schaffen“, findet der Minister. „Auch andere sportliche Großereignisse in den letzten Jahren haben den Fokus und das Interesse der Weltöffentlichkeit auf kritische Punkte im Gastgeberland gelenkt. Ich bin sicher, dass das auch 2014 in Sotschi so sein wird.“

          Guido Westerwelle: „Der Umgang mit Homosexuellen in Russland ist nicht akzeptabel.“
          Guido Westerwelle: „Der Umgang mit Homosexuellen in Russland ist nicht akzeptabel.“ : Bild: picture alliance / Sascha Radke

          Dass Athleten auf solche kritischen Punkte aufmerksam machen, wird das Internationale Olympische Komitee (IOC) allerdings zu verhindern wissen. Es hat bereits deutlich gemacht, dass es etwa politische Auseinandersetzungen unter Athleten wie jetzt in Moskau nicht dulden wird - wer sich zu Statements hinreißen lässt, kann nach Regel 50 der Olympischen Charta disqualifiziert werden. Damit wolle man die Sportler „schützen“, heißt es aus Lausanne. Vor sich selbst. Wie das IOC seine Sportler, Kampfrichter und Zuschauer vor Menschenrechtsverletzungen durch das olympische Gastgeberland schützen will, weiß es dagegen noch nicht so genau.

          Die Athleten selbst sind betroffen

          Es ist ja nicht das erste Mal, dass Sport-Großereignisse in Gegenden stattfinden, wo Menschenrechte missachtet werden. Bisher aktuellstes Beispiel: Die Olympischen Spiele 2008 in Peking. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen in Tibet brachten damals das Selbstverständnis der Olympier ins Wanken. Doch jetzt spitzt sich die Lage weiter zu. In Sotschi geht es nicht mehr „nur“ um innenpolitische Unterdrückung. Die Athleten selbst sind von einem Gesetz betroffen, das auf ihre Sexualität abzielt.

          „Hier geht es nicht um Sanktionen gegen Homosexualität“, sagte Putin zwar nach der Verabschiedung des Gesetzes im Juni. „Hier geht es um Kinderschutz.“ Trotzdem ist offensichtlich, wie dehnbar die Vorschrift ist - ein mögliches Alibi, um jeden, der die Rechte von Homosexuellen, Lesben, Bisexuellen und Transsexuellen einfordert, zu verfolgen. Auch Bundesaußenminister Westerwelle äußert sich zumindest misstrauisch: „Wir beobachten die Entwicklung in Russland sehr genau.“

          Läufer Nick Symmonds: Medaille den schwulen Freunden gewidmet
          Läufer Nick Symmonds: Medaille den schwulen Freunden gewidmet : Bild: REUTERS

          Das IOC und der Internationale Fußballverband (Fifa) können nach ihren Verfassungen Diskriminierung nicht dulden. In der Olympischen Charta heißt es unter „Grundlegende Prinzipien des Olympismus“: „Die Ausübung von Sport ist ein Menschenrecht. Jeder Mensch muss die Möglichkeit zur Ausübung von Sport ohne Diskriminierung jeglicher Art und im olympischen Geist haben.“ Und die Fifa hat erst bei ihrem Kongress im Mai eine Resolution gegen Diskriminierung verabschiedet, in der auch Gastgeber verpflichtet werden: „Wettbewerbsorganisatoren erlassen einen konkreten Aktionsplan, der belegt, dass sie Rassismus und Diskriminierung unter ihren Spielern, Funktionären und Fans effektiv bekämpfen wollen.“

          In der Realität haben sich beide Organisationen - nach widersprüchlichen Erklärungen von russischer Regierungsseite - erst einmal auf einen allgemeinen Zustand der Begriffsstutzigkeit zurückgezogen. IOC-Präsident Jacques Rogge erklärte in Moskau, das IOC habe zwar eine schriftliche Erklärung erhalten, verstehe sie aber nur bedingt. „Wir haben noch um weitere Klarstellungen gebeten.“ In der Übersetzung des Gesetzes gebe es noch Unklarheiten, diese seien aber nicht „fundamental“. Auch die Fifa verlangte „Klarstellung und Einzelheiten“ zu dem Gesetz. Russland habe zugesagt, „allen Besuchern und Fans einen warmen Empfang zu bereiten und für ihre Sicherheit zu sorgen.“ Nun müsse das Land sein Versprechen auch einhalten. Es ist fatal: Sportsfreund Putin, einer der heimlichen Drahtzieher der internationalen Sportpolitik, hat die beiden Giganten des Weltsports in eine höchst verzwickte Lage gebracht.

          Stabhochspringerin Jelena Isinbajewa: Die typisch russische Frau lebt mit einem Mann zusammen
          Stabhochspringerin Jelena Isinbajewa: Die typisch russische Frau lebt mit einem Mann zusammen : Bild: REUTERS

          Von Boykott der Spiele spricht bisher aber noch niemand außer dem britischen Schauspieler und Homo-Aktivisten Stephen Fry. Westerwelle erklärte: „Aus meiner Sicht wäre es falsch, denjenigen das Feld zu überlassen, die gegen Toleranz und Minderheitenschutz sind.“ Auch die beiden bisher expressivsten homosexuellen Wintersportler, die sich für Sotschi qualifizieren wollen, haben sich für die Teilnahme ausgesprochen. Blake Skjellerup, ein neuseeländischer Shorttracker, der in Kanada mit einem Mann zusammenlebt, sagte dem amerikanischen Sender CNN: „Es ist sehr wichtig, in Sotschi anzutreten und bei diesem Thema zusammenzuhalten, um Licht in die Sache zu bringen und eine Diskussion in Gang zu setzen, was dort eigentlich passiert.“

          Und der Eiskunstläufer Johnny Weir, der schon allein mit Hilfe seiner exzentrischen Kostüme seine sexuelle Orientierung propagiert, sieht einen besseren Weg, sich zu positionieren. „Ich bin ziemlich bekannt in Russland. Meine schiere Präsenz ist bereits eine bedeutende Stellungnahme gegen dieses Anti-Propaganda-Gesetz.“ Weir, verheiratet mit dem russisch-stämmigen Juristen Victor Woronow, lässt sich in einer Internetkolumne regelmäßig zu dem Thema aus. Am Donnerstag beklagte er, „dass Athleten, Fans und Mitglieder der olympischen Familie in Russland eingesperrt oder ausgewiesen werden können, weil sie schwul sind, Schwule unterstützen oder Strapse in der falschen Farbe tragen, während Blödheit vollkommen im Rahmen des Gesetzes ist“.

          Obama stichelt gegen Putin

          Der amerikanische Präsident Obama, gerade auf Konfrontationskurs mit Putin, hat gleich zweimal die Gelegenheit genutzt, um den „warmen Krieg“ zwischen Ost und West zu befeuern. Erst in der Fernsehshow des Talkmasters Jay Leno, der sogar unwidersprochen eine Parallele zu Hitlers Olympischen Spielen 1936 und der Judenverfolgung zog. Und kurz darauf bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus. „Eines der Dinge, auf die ich mich wirklich freue“, sagte Obama, „ist, dass vielleicht schwule oder lesbische Athleten Gold, Silber oder Bronze mit nach Hause bringen.“ Obama setzte sogar sportlich noch einen drauf: „Wenn Russland keine schwulen oder lesbischen Athleten hat, dann wird es dies wahrscheinlich schwächen.“

          Loveparade unter den fünf Ringen: Präsident Putin würde es die Spiele verderben
          Loveparade unter den fünf Ringen: Präsident Putin würde es die Spiele verderben : Bild: dpa

          Bei so viel Rückendeckung werden die Solidarisierungs-Aufrufe immer lebhafter. Ein Wodka-Boykott in einschlägigen Homosexuellen-Bars war da nur der Anfang. Kenneth Roth, Präsident der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch, hat bereits den Link zur Liste der Olympia-Großsponsoren wie Coca-Cola und McDonald’s getwittert mit dem Kommentar: „Sie sollten Russland unter Druck setzen, damit sie nicht Teil einer Übung im Gay-Bashing werden.“ Ein Zusammenschluss von Schwulen- und Lesbengruppen schlägt einen sanfteren Protest vor, die man unter dem Motto „Liebesgrüße nach Moskau“ sehen könnte. Die neu gegründete „Same Sex Hand Holding Initiative“ fordert olympische Athleten dazu auf, während der Spiele mit Geschlechtsgenossen auffällig Händchen zu halten. Ob diese Geste oder Küssen oder regenbogenfarbene Accessoires schon verbotene Propaganda wären, wollte das IOC so schnell nicht sagen. Jeder Einzelfall würde geprüft.

          Der russischen Mehrheit, die Homosexuelle ablehnt und das Anti-Propaganda-Gesetz begrüßt, dürften solche Stellungnahmen ihre Winterspiele womöglich verleiden. Die Moskauer Boulevardzeitung „MK“ jedenfalls hat diese Woche in einem Kommentar nur noch eine Lösung gesehen: „Es bleibt eigentlich nur, das Gesetz aufzuheben. Wenn das nicht gelingt, werden sich die Behörden wohl auf eine große Schwulen- und Lesbenparty in Sotschi 2014 gefasst machen müssen.“ Eine Love Parade unter den fünf Ringen? Das würde Präsident Putin, der sich beim Sport auch gerne einmal mit nacktem Oberkörper fotografieren lässt, das Fest in seinem Urlaubsdomizil Sotschi wohl verderben. Den Olympiern aber auch.

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