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„Warmer Krieg“ : Liebesgrüße nach Moskau

Die Athleten selbst sind betroffen

Es ist ja nicht das erste Mal, dass Sport-Großereignisse in Gegenden stattfinden, wo Menschenrechte missachtet werden. Bisher aktuellstes Beispiel: Die Olympischen Spiele 2008 in Peking. Die gewaltsamen Auseinandersetzungen in Tibet brachten damals das Selbstverständnis der Olympier ins Wanken. Doch jetzt spitzt sich die Lage weiter zu. In Sotschi geht es nicht mehr „nur“ um innenpolitische Unterdrückung. Die Athleten selbst sind von einem Gesetz betroffen, das auf ihre Sexualität abzielt.

„Hier geht es nicht um Sanktionen gegen Homosexualität“, sagte Putin zwar nach der Verabschiedung des Gesetzes im Juni. „Hier geht es um Kinderschutz.“ Trotzdem ist offensichtlich, wie dehnbar die Vorschrift ist - ein mögliches Alibi, um jeden, der die Rechte von Homosexuellen, Lesben, Bisexuellen und Transsexuellen einfordert, zu verfolgen. Auch Bundesaußenminister Westerwelle äußert sich zumindest misstrauisch: „Wir beobachten die Entwicklung in Russland sehr genau.“

Läufer Nick Symmonds: Medaille den schwulen Freunden gewidmet
Läufer Nick Symmonds: Medaille den schwulen Freunden gewidmet : Bild: REUTERS

Das IOC und der Internationale Fußballverband (Fifa) können nach ihren Verfassungen Diskriminierung nicht dulden. In der Olympischen Charta heißt es unter „Grundlegende Prinzipien des Olympismus“: „Die Ausübung von Sport ist ein Menschenrecht. Jeder Mensch muss die Möglichkeit zur Ausübung von Sport ohne Diskriminierung jeglicher Art und im olympischen Geist haben.“ Und die Fifa hat erst bei ihrem Kongress im Mai eine Resolution gegen Diskriminierung verabschiedet, in der auch Gastgeber verpflichtet werden: „Wettbewerbsorganisatoren erlassen einen konkreten Aktionsplan, der belegt, dass sie Rassismus und Diskriminierung unter ihren Spielern, Funktionären und Fans effektiv bekämpfen wollen.“

In der Realität haben sich beide Organisationen - nach widersprüchlichen Erklärungen von russischer Regierungsseite - erst einmal auf einen allgemeinen Zustand der Begriffsstutzigkeit zurückgezogen. IOC-Präsident Jacques Rogge erklärte in Moskau, das IOC habe zwar eine schriftliche Erklärung erhalten, verstehe sie aber nur bedingt. „Wir haben noch um weitere Klarstellungen gebeten.“ In der Übersetzung des Gesetzes gebe es noch Unklarheiten, diese seien aber nicht „fundamental“. Auch die Fifa verlangte „Klarstellung und Einzelheiten“ zu dem Gesetz. Russland habe zugesagt, „allen Besuchern und Fans einen warmen Empfang zu bereiten und für ihre Sicherheit zu sorgen.“ Nun müsse das Land sein Versprechen auch einhalten. Es ist fatal: Sportsfreund Putin, einer der heimlichen Drahtzieher der internationalen Sportpolitik, hat die beiden Giganten des Weltsports in eine höchst verzwickte Lage gebracht.

Stabhochspringerin Jelena Isinbajewa: Die typisch russische Frau lebt mit einem Mann zusammen
Stabhochspringerin Jelena Isinbajewa: Die typisch russische Frau lebt mit einem Mann zusammen : Bild: REUTERS

Von Boykott der Spiele spricht bisher aber noch niemand außer dem britischen Schauspieler und Homo-Aktivisten Stephen Fry. Westerwelle erklärte: „Aus meiner Sicht wäre es falsch, denjenigen das Feld zu überlassen, die gegen Toleranz und Minderheitenschutz sind.“ Auch die beiden bisher expressivsten homosexuellen Wintersportler, die sich für Sotschi qualifizieren wollen, haben sich für die Teilnahme ausgesprochen. Blake Skjellerup, ein neuseeländischer Shorttracker, der in Kanada mit einem Mann zusammenlebt, sagte dem amerikanischen Sender CNN: „Es ist sehr wichtig, in Sotschi anzutreten und bei diesem Thema zusammenzuhalten, um Licht in die Sache zu bringen und eine Diskussion in Gang zu setzen, was dort eigentlich passiert.“

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