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Walther Tröger im Gespräch : „Hat es ein Versagen der Politik gegeben?“

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Versuche, einen Überblick zu gewinnen: Tröger (zweiter v. rechts) spricht mit dem Ordnungsdienst Bild: Imago Sport

Walther Tröger war bei den Sommerspielen von München 1972 Bürgermeister des Olympischen Dorfes und einer der Ersten, der am 5. September von dem Überfall palästinensischer Terroristen auf die israelische Mannschaft erfuhr.

          Sie waren der Verhandlungspartner der Terroristen, Sie waren bei den Geiseln in der Wohnung. Hat es Sie verändert, an jenem 5. September mitzuerleben, wie zwei Geiseln in der Wohnung ermordet wurden, wie die Befreiung der Israelis auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck scheiterte und neun Sportler und Trainer ums Leben kamen sowie fünf Terroristen und ein Polizist?

          Dies waren meine Olympischen Spiele, dies war mein Olympisches Dorf, dies waren meine Gäste. Meine Möglichkeiten, soweit ich sie ausschöpfen konnte, haben nichts geholfen. Das ist etwas, das bis heute nachwirkt. Wenn ich mit Leuten spreche, die dabei waren, und sie sagen: Schöne Spiele, dann kommt immer das Aber. Dazu muss ich Stellung nehmen. Zum Jahrestag der Geiselnahme habe ich gut fünfzig Anfragen zu Interviews bekommen. Seit Anfang des Jahres bin ich mit Gesprächen, mit Filmen, mit Podiumsdiskussionen beschäftigt. Da kommt alles wieder hoch. Aber es ist nicht so, dass es mein Leben beherrschte.

          Auch Sie haben sich gegen eine Gedenkminute während der Eröffnungsfeier von London ausgesprochen. Richten sich die Beschimpfungen, die Ankie Spitzer, die Witwe von André Spitzer, gegen das IOC und dessen Präsidenten Jacques Rogge richtete, nicht auch gegen Sie?

          Ich habe ein freundschaftliches Verhältnis zu Ankie. Ich hatte ihr bei einem Podiumsgespräch gesagt: Ich verstehe, was du willst, ich weiß, warum du das Gedenken aufrecht erhalten willst. Aber diese Schweigeminute gehört nicht dort hin. Sie erwiderte, dass sie anderer Meinung sei und weiter darum kämpfe, diese durchzusetzen. Kurz vor den Olympischen Spielen rief sie an und sagte: Es gibt keinen Hass, wir wollen die Freude in London nicht stören. Aber wir legen Wert darauf, dass der Welt gezeigt wird, was passiert ist. Sie bat mich, ein Gespräch mit Jacques Rogge in London zu vermitteln. Dieses Gespräch ist böse ausgegangen, und entsprechend war die Reaktion von Ankie Spitzer.

          Sie warf bei der Gedenkveranstaltung in London dem IOC vor, der Toten nicht zu gedenken, weil sie Israelis und Juden seien. Was ist dran an der Vermutung, dass eine Schweigeminute weniger die Stimmung im Stadion gestört als vielmehr die Delegationen der arabischen Welt brüskiert hätte?

          Das ist nicht mein Argument, und das wäre mir im Zweifel sogar egal. Mein Argument ist, dass wir eine globalisierte Organisation haben, dass die Welt zuschaut, Zehntausende im Stadion und Millionen vor dem Fernseher. 205 Mannschaften marschieren ein, die alle mit dieser Sache nichts zu tun haben. Sie müssen in diesem Moment nicht damit konfrontiert werden. Das Argument mit den arabischen Staaten ist eine politische Frage, die mich nicht interessiert. Das müssen die Politiker unter sich ausmachen. Wenn die arabischen Staaten sich gestört fühlten, dann vielleicht, weil auch sie sich sagen: Was soll das? Das ist vierzig Jahre her. Inzwischen sind Völkermorde und Kriege passiert. Jacques Rogge hat eine Schweigeminute eingelegt, als er im Olympischen Dorf für den Olympischen Frieden sprach. Da gehörte sie hin.

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