https://www.faz.net/-gtl-agaby

Wahl des IIHF-Präsidenten : „Check von hinten“

  • -Aktualisiert am

Franz Reindl ist nicht der neue Präsident des IIHF. Bild: Picture-Alliance

Die unerwartete Niederlage in seinem „großen Spiel" auf der sportpolitischen Bühne schmerzt Franz Reindl. Er beklagt sich über die angeblich tendenziöse Sportberichterstattung in seiner Heimat.

          2 Min.

          Franz Reindl lächelte, Reindl gratulierte artig, aber als er am frühen Nachmittag noch mal kurz ans Rednerpult ging, war dem 66-Jährigen deutlich anzusehen, dass er sich diesen Samstag in Sankt Petersburg anders vorgestellt hatte. Eigentlich sollte der die Krönung eines Berufslebens sein, das Reindl seit Jahrzehnten im Eishockey verbringt. Als Spieler, Trainer und Multifunktionär, als WM-Organisator und Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB).

          Für Reindl ging es stets bergauf, bis ins Council des Weltverbandes IIHF, dem mächtigen Führungsgremium. Nun beim IIHF-Kongress im Westen Russlands wollte er ganz oben ankommen, der Garmisch-Partenkirchener war als Favorit auf die Nachfolge des jahrzehntelangen Präsidenten René Fasel angereist. Doch sein „Big Game“, wie Reindl die Wahl vorher bezeichnet hatte, das verlor er. Und zwar deutlich.

          Mit 39:67 Stimmen unterlag er dem Franzosen Luc Tardif. Und selbst die Wahl zum Vizepräsidenten als Vertreter für Europa und Afrika verlor er gegen den Dänen Henrik Bach Nielsen. Erst am Ende des stundenlangen Wahlkongresses gab es einen Trostpreis, Reindl wurde abermals ins Council berufen.

          Die dunkelsten Tage in Reindls Karriere

          „Ich gratuliere Luc Tardif herzlich zur Wahl als neuer IIHF-Präsident und freue mich auf eine gute, erfolgreiche Zusammenarbeit“, ließ sich Reindl danach in einer Mitteilung des DEB zitieren. Wobei Freude nicht gerade die vorherrschende Emotion gewesen sein dürfte. Gehörten die letzten Tage doch zu den dunkelsten in Reindls langer Karriere. Am Freitag hatte das Nachrichtenmagazin Der Spiegel berichtet, dass die Ethikkommission des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) den „Fall Reindl“ prüft.

          Der Franzose Luc Tardif ist neuer Präsident des IIHF, der Internationalen Eishockey-Föderation.
          Der Franzose Luc Tardif ist neuer Präsident des IIHF, der Internationalen Eishockey-Föderation. : Bild: Picture-Alliance

          Der laut Satzung ehrenamtliche DEB-Präsident war über Jahre bezahlter Geschäftsführer einer Tochterfirma. Vertreter von drei Landesverbänden hatten bereits Anfang Juni intern Fragen dazu gestellt und die Offenlegung von Verträgen und Bilanzen gefordert. Reindl wies einen „Interessenkonflikt“ stets von sich. Doch im Laufe der Monate rückte ein weiterer Landesverband von ihm ab, forderte Aufklärung.

          Reindl beklagt sich bitterlich

          Reindl ist sich sicher, dass die Spiegel-Berichterstattung am Freitag die Wahlen in Sankt Petersburg beeinflusst hat. Diese sei „tendenziös verfasst und vermutlich – wie schon Anfang Juni – bewusst lanciert“, sagte er dem Sport-Informations-Dienst. Zudem habe ein Landesverband ein „begleitendes, unglaublich denunzierendes Schreiben“ verfasst, das dem IIHF-Council, nicht aber ihm selbst zugegangen sei, sagte Reindl, der getroffen wirkte. Weil er in seinen Augen nicht an der Konkurrenz gescheitert ist, ausgerechnet die Heimat habe ihm den letzten Schritt auf der Karriereleiter vermasselt. Er sprach von „verbotenen Checks von hinten“.

          Zu-Hause steht nun ein Richtungsstreit bevor. Reindl hatte bereits 2020 angekündigt, unabhängig vom Ausgang der IIHF-Wahl 2022 nicht wieder als DEB-Präsident zu kandidieren, kürzlich wiederholte er das. Auch Vizepräsident Berthold Wipfler, verantwortlich für Finanzen und Nachwuchs, scheidet dann aus. Und wer weiß, was mit Toni Söderholm passiert? Der Vertrag mit dem erfolgreichen Bundestrainer läuft nach der WM 2022 aus.

          Personell wird im DEB einiges passieren. Die große Frage: Setzt sich das Reindl-Lager bei den Neubesetzungen durch, oder wächst der Einfluss der bislang zwar lautstarken, aber noch überschaubaren Opposition? Reindl selbst wird sich nach seinem Ende beim DEB mit internationalen Fragen befassen müssen. Im IIHF-Council sitzt er bis 2026. Und das wird sich neben dem Verhältnis zu den Eliteligen NHL (Nordamerika) und KHL (Osteuropa) vor allem mit Asien beschäftigen, wo Eishockey ein Schattendasein fristet.

          Aivaz Omorkanov, der neue Vizepräsident für Asien, fällte in seiner Bewerbungsrede ein vernichtendes Urteil: „Die Liste der Ziele, die nicht erfüllt worden, ist lang“, sagte der Kirgise und zählte diverse Verfehlungen auf. Weiterbildungen seien gestoppt worden, die Strategiegruppe habe sich lange nicht getroffen, und der größte Fehler: Das Asien-Büro sei zurück ins IIHF-Hauptquartier nach Zürich verlegt worden – obwohl 2022 die Olympischen Spiele in Peking stattfinden. Die Aufgabenlage ist also kompliziert. Auch für Reindl. National wie international.

          Weitere Themen

          Die hohe Kunst auf dem schmalen Balken

          Turn-WM in Japan : Die hohe Kunst auf dem schmalen Balken

          Turnerin Pauline Schäfer-Betz lässt Schweres leicht aussehen. In Japan konzentriert sie sich ganz auf sich – und gewinnt Silber bei der WM. Dabei muss sie weiterhin mit offenen Anfeindungen leben.

          Topmeldungen

          Grund zur Freude: Franziska Giffey, Olaf Scholz und Manuela Schwesig am Morgen nach dem Wahlsonntag im Willy-Brandt-Haus in Berlin

          Regierungsbildung : Deutschland rückt nach links

          In Mecklenburg-Vorpommern und in Berlin ist die Linke der bevorzugte Koalitionspartner, im Bundestag sitzen jetzt lauter Jusos. Auch die Grünen-Fraktion ist jünger und linker geworden. Was folgt daraus?
          Valerie Weber im November 2013 in Köln

          Nemi El-Hassan und der WDR : Pausenfüller

          Die Programmdirektorin des WDR will die Debatte um die Moderatorin Nemi El-Hassan offenbar aussitzen. Doch so einfach ist das nicht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.