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Leichtathletik-Skandal : Russland droht Ausschluss von Olympia

Russische Siegerinnen in der Leichtathletik: Gewohntes Bild, bald nicht mehr? Bild: dpa

Nach einer Empfehlung der unabhängigen Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur findet Olympia 2016 ohne russische Leichtathleten statt. Doch der Fall könnte noch weitaus größere Folgen haben.

          3 Min.

          Die russische Nationalmannschaft wird voraussichtlich von den Leichtathletik-Wettbewerben der Olympischen Spiele 2016 in Rio de Janeiro ausgeschlossen werden. Dies ist die gravierendste Empfehlung, welche die unabhängige Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) aus ihrem mehr als dreihundert Seiten starken Report ableitet, den sie am Montag in Genf vorstellte und im Internet veröffentlichte.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Der Verband, das Anti-Doping-Labor in Moskau, die russische Anti-Doping-Agentur (Rusada) und der russische Staat, sie alle haben demnach mitgewirkt an orchestriertem Doping, heißt es in dem Bericht. Labor und Rusada solle deshalb die Akkreditierung entzogen werden. Unterstützt wurden die Manipulationen demnach durch einen Mangel an Führung im Kampf gegen Doping sowie organisierte Bemühungen von Trainern und Funktionären in Russland und innerhalb dem Weltverband (IAAF).

          Der Fall habe das Potential, den Sport zu zerstören, sagte Richard Pound. Er war Gründungspräsident der Wada und Leiter der Ermittlungsgruppe und versprach in seiner Eigenschaft als Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC): „Unsere geschäftlichen Interessen untergraben nicht unsere moralischen Grundsätze.“

          Er berichtete, dass der Leiter des Anti-Doping-Labors in Moskau, Grigory Rodschenkow, mehr als 1400 Proben zerstört habe, bevor die Ermittlungsgruppe eintraf, um Doping-Nachweise zu verhindern. Die Ermittler bemerkten und verhinderten Manipulationen bis Mitte des Jahres, Monate nach Beginn ihrer Arbeit; möglicherweise ist so die Flut von Dopingfällen in der russischen Leichtathletik zu erklären. Was die Kenntnis und die Zustimmung von Sportminister Witali Mutko angehe, sagte Pound, handele es sich um Staats-Doping.

          Coe nennt den Bericht alarmierend

          Die Kommission fordert, Mutko solle die Geheimdienste auffordern, alles zu unterlassen, was die Unabhängigkeit der Anti-Doping-Programme untergrabe. In den Doping-Kontroll-Laboren von Moskau und Sotschi habe (während der Leichtathletik-WM und der Olympischen Winterspiele) wegen deren Präsenz eine Atmosphäre der Einschüchterung geherrscht und zum Vorwurf staatlicher Einflussnahme geführt.

          Geheimsache Doping: Richard Pound (Mitte) will Russlands Leichtathleten ausschließen
          Geheimsache Doping: Richard Pound (Mitte) will Russlands Leichtathleten ausschließen : Bild: dpa

          Der Präsident der IAAF, Sebastian Coe, nannte den Bericht alarmierend und versprach, den russischen Verband suspendieren und Veranstaltungen in Russland absagen zu wollen. Die IAAF mit Sitz in Monte Carlo ist in die kriminellen Machenschaften so sehr verwickelt, dass die französische Justiz ermittelt; Interpol gab bekannt, dass es internationale Ermittlungen – „Operation Augias“ – koordiniere. In der vergangenen Woche hat die Polizei den Verbandssitz durchsucht und den ehemaligen Leiter der Anti-Doping-Abteilung, Gabriel Dollé, sowie Lamine Diack vorübergehend festgenommen. Diack, der 16 Jahre Präsident der IAAF war, wird vorgeworfen, gedopten Athleten gegen Geld Startrecht eingeräumt zu haben.

          Acht solche Doper, die hätten gesperrt sein sollen, waren durch die Korruption in Russland und in der IAAF angeblich bei den Olympischen Spielen von London 2012 am Start. Einer soll Olympiasieger geworden sein, einer gewann Silber. Die Kommission veröffentlichte die Namen und ihre Erkenntnisse über diese Vorgänge nicht, um das laufende Verfahren nicht zu gefährden.

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          Sie forderte die lebenslange Sperre der 800-Meter-Läuferinnen Maria Sawinowa und Ekatarina Poistogowa, die in London Gold und Bronze gewannen, sowie drei weiterer Athleten. Die Trainer Tschegin, Kazarin und Melnikow sollen wie Radschenkow und Verbands-Mediziner Sergej Portugalow ebenfalls auf die schwarze Liste gesetzt werden.

          Russland hat die Forderungen der Kommission als politisch motiviert zurückgewiesen. Mutko sagte, die Wada könne Empfehlungen aussprechen, aber niemanden disqualifizieren. Die Feststellung, dass sich ein Verband und die für ihn zuständigen Kontrolleinrichtungen nicht in Übereinstimmung mit den Richtlinien der Wada befinden („non-compliance“), führt praktisch automatisch zur Sperre.

          „Russland ist nicht das einzige Land“

          Es gebe verlässliche Anzeichen dafür, dass über die Leichtathletik hinaus Doping den Sport in Russland kompromittiere, heißt es in dem Bericht. Doch der Auftrag der Kommission habe allein auf die Leichtathletik abgezielt. Trotz ihrer Scheuklappen folgert die Kommission: „Russland ist nicht das einzige Land, noch ist Leichtathletik die einzige Sportart, die das Problem orchestrierten Dopings hat.“ Den Mangel an Führung im Kampf gegen Doping machte die Ermittlungsgruppe schon durch ihre Existenz deutlich.

          Mitarbeiter der Wada hatten offenbar den Eindruck, dass der im November 2013 zum Präsidenten ihrer Einrichtung aufgestiegene Craig Reedie wenig Interesse an zwei potentiellen Kronzeugen aus dem russischen Doping-System hatte, die Top-Läuferin Julia Stepanowa und ihr Mann Witali, Mitarbeiter der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada. Deshalb verwiesen sie die beiden an den ARD-Reporter Hajo Seppelt. Beide steuerten Erklärungen sowie Bild- und Tondokumente zu der spektakulären Reportage über systematisches Doping im russischen Sport bei, die im Dezember 2014 gesendet wurde.

          Daraufhin musste die Wada die Kommission gründen, die zu Erkenntnissen von ungeheurer Sprengkraft gekommen ist. Pound dankte Seppelt und der ARD wie auch dem Ehepaar Stepanow. Die Whistleblowers verließen mit ihrem Kind vor der Sendung Moskau. Nach einen Jahr in Berlin haben sie Deutschland verlassen. Weder Reedie noch Coe haben je ein Wort des Dankes oder der Ermutigung an sie gerichtet.

          Neben dem Juristen und IOC-Mitglied Pound gehörten der kanadische Jurist Richard McLaren sowie der deutsche Kriminalkommissar Günter Younger der Kommission an. Die Ethik-Kommission des IOC empfahl am Montag, die Ehrenmitgliedschaft von Lamine Diack auszusetzen.

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