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Sauberer Sport? : „Die Zeit läuft ab“

Die Bühne zählt: Travis Tygart, Julija Stepanowa und Edwin Moses im Weißen Haus. Bild: Imago

Athleten und Politiker diskutieren im Weißen Haus über die verfahrene Situation im internationalen Anti-Doping-Kampf. „Reformiert die Wada“, fordert Julija Stepanowa, die Kronzeugin des russischen Staats-Dopings.

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          Nein, der Hausherr war nicht dabei. Aber ein Auftritt im Weißen Haus sendet auch ohne Donald Trumps Beisein eine Botschaft aus. Auf sie haben es die Teilnehmer des „Runden Tischs zur Förderung des internationalen Einsatzes für sauberen Sport und Fair Play“ bei ihrem Termin am Mittwoch in Washington D.C. angelegt: Sportler, Sportpolitiker und Anti-Doping-Organisationen, denen der Kurs der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada nicht passt.

          Christoph Becker
          Sportredakteur.

          „Reformiert die Wada“, forderte etwa Julija Stepanowa, die Kronzeugin des russischen Staats-Dopings, mit deren Aussage vor vier Jahren die schwere Krise des internationalen Sports im Umgang mit Betrug und verbotener Leistungssteigerung ausgelöst wurde. „Athleten, nutzt Eure Stimmen!“, sagte die amerikanische Schwimmerin Lilly King, die sich bereits bei den Olympischen Spielen von Rio de Janeiro darüber empört hatte, gegen russische Konkurrenz antreten zu müssen. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hatte damals die Entscheidung über den Start russischer Sportler den Fachverbänden überlassen und damit de facto dafür gesorgt, dass mit wenigen Ausnahmen ein komplettes russisches Team antreten konnte.

          Lilly King war eine von 14 Sportlerinnen und Sportlern, die im Weißen Haus das Wort ergriffen. Sie werde in ihrem Kampf mit der Wada nicht nachlassen, bis sie wisse, dass alle Gegnerinnen auf fairer Grundlage antreten, schrieb Olympiasiegerin King anschließend bei „Instagram“.

          Der britische Radsportler Callum Skinner fragte, wen das IOC und die Wada eigentlich verträten. „Die erste Antwort sollten die Athleten sein. Aber was haben wir? Zwei Organisationen, die die Stimme der Athleten unterdrücken, sie geringschätzen, sie als desinformiert darstellen, statt der Diskussion der Sportler und ihrem Engagement zu applaudieren.“ Travis Tygart, der Vorstandsvorsitzende der amerikanischen Anti-Doping-Organisation, warnte, ohne Reformen „sei nichts auszuschließen“ und implizierte damit, die Vereinigten Staaten, die knapp ein Achtel des jährlichen Wada-Budgets finanzieren, könnten ihre Unterstützung einstellen.

          Die Rufe nach Reformen werden noch dringlicher – Auftritte an Orten wie dem Weißen Haus unterstreichen dies –, seit die Wada im September die Suspendierung der russischen Anti-Doping-Agentur Rusada aufhob, ohne dass diese alle zuvor gestellten Anforderungen erfüllt hatte. Der Konflikt wird zunehmend im politischen Raum ausgetragen, der Bruch zwischen dem durch das Internationale Olympische Komitee gestützten Teil der Wada um deren Präsidenten (und IOC-Mitglied) Craig Reedie und den auf Reformen drängenden nationalen Anti-Doping-Organisationen und Politikern wird immer offensichtlicher.

          Die Wada beklagte in einer Stellungnahme gegenüber dem britischen „Guardian“, bei der „einseitigen“ Veranstaltung sei nur „ein Teil der Geschichte“ angesprochen worden. Dabei war Vizepräsidentin Linda Helleland in Washington anwesend. Die norwegische Familienministerin möchte Reedies Nachfolgerin werden und setzt sich für grundlegende Reformen ein. Helleland twitterte prompt: „Die Stimmen der Sportler sind lebenswichtig. Ihre Aussagen heute lassen für die Zukunft hoffen.“ Auch die Wada-Exekutivmitglieder Edwin Moses und Clayton Cosgrove waren anwesend, zudem Wada-Athletensprecherin Beckie Scott.

          Andrea Gotzmann, die Vorstandsvorsitzende der Nationalen Anti-Doping Agentur (Nada) forderte in Washington eine „dringende“ Strukturreform: „Die Zeit läuft ab“, sagte Gotzmann und versicherte die Unterstützung der Nada durch Bundesregierung und Bundestag. Eine zentrale Forderung der Gipfelteilnehmer in Washington ist eine unabhängige Untersuchung der „Kultur, der Führung und des Betriebs“ der Wada, nachdem sich unter anderem Beckie Scott nach eigener Darstellung vor der Entscheidung über die Wiederzulassung der Rusada der Gängelung und Versuchen der Einschüchterung durch Wada-Exekutivmitglieder ausgesetzt sah. Zudem dürften „Einzelpersonen mit aktiven Rollen im Sport nicht zugleich in führenden Positionen in der Wada“ tätig sein.

          Reedie wies die Kritik am Donnerstag in London zurück. Er sei überzeugt, durch die Wiederzulassung der Rusada sei die Wada dem Ziel, sauberen Sport zu gewährleisten, näher gekommen. „Die Wada funktioniert“, sagte Reedie.

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