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Wada-Ermittler Younger : „Kein Sportfunktionär steht über dem Gesetz“

Herren der Leichtathletik: Lamine Diack (l.) und sein Nachfolger als IAAF-Präsident, Sebastian Coe, im August 2015 Bild: Picture-Alliance

Günter Younger ist Sonderermittler der Welt-Anti-Dopingagentur Wada: Im Interview spricht er über Wunsch, Wirklichkeit und wegrennende Athleten bei der Jagd nach den Verbrechern im Sport.

          10 Min.

          Sie sind Kriminaldirektor im Landeskriminalamt von Bayern und waren als Ermittler in der Unabhängigen Kommission der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) daran beteiligt, das systematische Doping in der russischen Leichtathletik und Korruption an der Spitze des Welt-Leichtathletikverbandes (IAAF) aufzudecken – die berühmte Spitze des Eisberges. Was empfehlen Sie dem Sport?

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Jede größere Firma hat einen Compliance-Beauftragten. Sie muss interne Ermittlungen betreiben können. Das brauchen die großen Verbände auch. Wir plädieren darüber hinaus dafür, dass eine internationale Einheit gegründet wird, die wie wir ohne Rücksicht auf Titel und Rang überall überprüfen kann, ob die Regeln eingehalten werden. Wenn einer sagt: Ich bin Präsident, für mich gelten die Regeln nicht, wird’s für alle anderen schwierig. Dazu kommt: In der Doping-Bekämpfung wird fast allein auf Wissenschaft gesetzt, auf Tests und Analyse. Der menschliche Faktor wird zu wenig berücksichtigt.

          Sie meinen die Anfälligkeit zum Betrug, die Bereitschaft, sich korrumpieren zu lassen?

          Um in diesem Bereich etwas zu erreichen, muss man Gespräche mit Trainern und Athleten führen. Das ist sehr aufwendig, aber notwendig. Tests spiegeln nicht wider, was tatsächlich passiert. Man muss zuhören, was unter Athleten und unter Trainern geredet wird. Wenn jahrelang über ein bestimmtes Thema gemunkelt wird, muss sich mal jemand einen eigenen Eindruck machen.

          „Einer unserer Kontrolleure ist aus dem Fenster gestiegen“: Günter Younger

          Soll der Sport zusätzlich zu Doping-Kontrolleuren auch Sport-Detektive beschäftigen?

          Wir halten das für notwendig. Das Feld ist sehr komplex. Doping hat bei der Polizei in den verschiedenen Ländern nicht gerade Priorität. Wir haben festgestellt, dass die Anbindung an die Wada gut funktioniert hat. Dort gibt es eine etablierte Kooperation mit Interpol.

          Die Unabhängige Kommission mit Ihnen und den Juristen Richard McLaren sowie dem Wada-Gründungspräsidenten Richard Pound hat diese Verbindung genutzt. Ist Ihnen das schwergefallen?

          Zu einem bestimmten Zeitpunkt hatten wir so viele Beweise zusammengetragen, dass ich überzeugt war, dass dies einen Anfangsverdacht begründet. Wir standen vor der Frage: Veröffentlichen wir das wie verabredet? Unsere Meinung war: Dann wird zwar jeder entsetzt sein, dann wird das vier Wochen lang diskutiert, aber es wird außer einer Sperre keine Konsequenzen haben. Wenn ein Sportfunktionär Straftaten begeht...

          Wir sprechen von Lamine Diack, sechzehn Jahre lang Präsident der IAAF, Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees und hoc verdächtig, dopende Athleten um hohe Summen erpresst und ihre Sperren verhindert zu haben...

          Der Name war nach seiner Festnahme in der Presse. Es konnte nicht sein, dass der Staatsanwalt sich mit so jemandem nicht beschäftigt. Kein Sportfunktionär steht über dem Gesetz. Wenn wir auf kriminelles Verhalten stoßen, das ist meine Überzeugung, müssen wir davon eine Strafverfolgungsbehörde informieren, damit sie weiter ermittelt. Ich will, dass Herr Diack und wer sonst noch alles angeklagt werden wird, genauso vor Gericht steht wie jeder andere auch.

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