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Wada-Chefermittler Younger : „Wir brauchen Zugang zum Labor in Moskau“

Die Zugeständnisse sind für mich mehr ein politischer Teil – das anzuerkennen, was wir ohnehin in unseren Ermittlungen vorgelegt haben: dass das System bis ins Sportministerium reichte. Es geht nur um Worthülsen, darum, ob man es institutionalisiert nennt oder Staats-Doping. Ich bin mehr der Praktiker und sage, für mich ist es wichtig, den Zugang zum Moskauer Anti-Doping-Labor zu bekommen. Ich weiß aber, dass der Brief eine derartige Zusage nicht beinhaltet.

Chefermittler der Wada: Der Polizist Günter Younger soll dem Sport im Kampf gegen Doping auf die Sprünge helfen

Wie wichtig wäre dieser Zugang für Ihre Arbeit? Vor allem im Bezug auf die Dateien, die Ihnen Ende vergangenen Jahres aus dem Moskauer Anti-Doping-Labor zugespielt wurden, die sogenannten Lims-Dateien?

Enorm wichtig. Wir haben im Oktober vergangenen Jahres eine Kopie bekommen, die haben wir in vier Wochen versucht zu rekonstruieren und auch festzustellen, ob sie echt ist. Das ist sie. Im Dezember haben wir 9000 – verdächtige wäre schon zu viel gesagt – Proben untersucht. Das müssen Sie sich so vorstellen: Wenn eine Probe in ein Labor kommt, dann wird erst mal gescannt, ob irgendwelche Substanzen vorhanden sind. Wenn eine Substanz gefunden wird, dann wird ein sogenannter Confirmation Process in Gang gesetzt, das heißt, man sucht spezifisch diese Substanz in der Probe. Und erst dann, wenn man sie gefunden hat, ist es ein positiver Fall. Was ist passiert in Moskau? Rodtschenkow (der Moskauer Laborchef, d. Red.) hatte sein System so sensibel eingestellt, dass auf jeden Fall jede Substanz erkannt wurde, auch wenn da möglicherweise nachher im Confirmation Process nichts bestätigt wurde, weil sie auf natürlichem Wege aufgenommen worden war. Deswegen sind so viele entsprechende Proben aufgetaucht. Wir wissen aus der McLaren-Untersuchung, dass Rodtschenkow dann über die Rusada eine E-Mail an das Sportministerium geschickt hat, um Instruktionen zu bekommen, was er damit machen soll. Wenn er das Okay bekommen hat, den Athleten brauche er nicht zu schützen, hat er erst den Confirmation Process in Gang gesetzt. Das muss man wissen, um zu verstehen, warum es so schwierig ist, mit der Lims-Datei einen Doping-Verstoß zu belegen.

Und wie ging es weiter?

Wir haben alle diese Daten, also über 9000, an mehr als sechzig Sportföderationen geschickt, und die ermitteln jetzt. Mit den Ergebnissen kommen sie zu uns zurück, und dann bekommen sie das Okay. Sie können den Fall schließen oder erhalten die Aufforderung, noch mehr zu machen. Erst wenn wir sagen, wir sind zufrieden, können sie den Fall abschließen. Einige Fälle sind schon abgeschlossen, bei denen wir gesagt haben, da reichen tatsächlich die Beweise nicht. Sie können sich vorstellen, dass es eine Mammutaufgabe ist.

Sind es 9000 Proben oder Namen?

9000 Proben. Dass Leute mehrfach betroffen sind, ist sehr wahrscheinlich.

Was würde der Zugang zum Moskauer Labor bringen?

Das würde nicht nur unsere Arbeit wesentlich erleichtern. Es würden auch einige Athleten, die derzeit unter Verdacht stehen, entlastet. Wenn wir ins Moskauer Labor gehen würden und den Zugang zu den Proben, die noch dort sind, und zu den Originaldaten bekämen, würden durch die zusätzlichen Informationen sicherlich einige Fälle rausfallen. Wir haben bereits mehrmals versucht, mit der Ermittlungskommission in Russland Kontakt aufzunehmen, aber dazu haben sie sich noch nicht geäußert.

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