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F.A.S. exklusiv : Schwimmen in trüben Wassern

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Sprung ins Ungewisse: Den Schwimm-Sport beschäftigen derzeit viele Fragen. Bild: AP

Wen bezahlt der Europäische Schwimmverband wofür? Und warum weiß kaum jemand davon? Unterlagen werfen Fragen zum Geschäftsgebaren des Präsidenten auf. Dem Schwimmen droht ein Skandal.

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          Die Führung des Europäische Schwimmverbands (Len) sieht sich schweren Vorwürfen ausgesetzt. Es geht um Verträge mit Firmen, die kaum jemand kennt, und Zahlungen, die angeblich nicht zu erklären sind. Unterlagen, die Staatsanwälten in der Schweiz und in Italien übermittelt wurden, heben Zahlungen von der Len an drei italienische Unternehmen hervor, für die nie die entsprechend vermerkten Dienstleistungen erbracht worden seien. Eines der Unternehmen ist mehrheitlich im Besitz von Len-Präsident Paulo Barelli, der im Zentrum der erbrachten Vorwürfe steht. Das haben Recherchen der F.A.S., der englischen „Sunday Times“ und des australischen „Daily Telegraph“ ergeben.

          So hat Barelli zusammen mit Generalsekretär David Sparkes und Schatzmeister Tamas Gyarfas eine Vereinbarung zwischen der Len und einer Firma namens Elevan über Beratungstätigkeiten im Zusammenhang mit TV-Rechten unterzeichnet. Sparkes war jahrelang Präsident des britischen Schwimmverbandes, Gyarfas viele Jahre sein ungarisches Pendant. Gegen ihn wurde im vergangenen Jahr in Budapest ein Mordprozess eröffnet, es geht um den Tod eines ungarischen Medienunternehmers Ende der neunziger Jahre. Gyarfas bestreitet, die Tat in Auftrag gegeben zu haben. Sparkes und Gyarfas sind auch Mitglieder im Bureau, dem Vorstand des Internationalen Schwimmverbandes Fina, dessen Vizepräsident Barelli ist.

          An der Spitze: Len-Präsident Paolo Barelli
          An der Spitze: Len-Präsident Paolo Barelli : Bild: Picture-Alliance

          Aus dieser Vereinbarung geht Folgendes hervor: Elevan, eine Firma, die in Italien als Versicherungsgesellschaft registriert ist, wird eine Provision zugesagt, sollte es mit ihrer Hilfe gelingen, Vereinbarungen über TV-Rechte zu verbessern. Konkret geht es um fünf oder sechs Prozent (abhängig von der Laufzeit des gesicherten Vertrags) auf die Differenz zwischen altem und neuem Vertrag. Dieser Zugewinn beläuft sich bei den drei vergangenen Verträgen mit der Europäischen Rundfunkunion (EBU) den Angaben von Len-Funktionär Bartolo Consolo zufolge auf insgesamt 2,3 Millionen Euro. Es ist unklar, ob Elevan jemals Provisionen gezahlt wurden.

          Consolo, Präsident der Len von 1990 bis 2008, ist derjenige, der einem anonymen Hinweis auf diese finanziellen Unregelmäßigkeiten nachgegangen ist und sich Ende Dezember 2019 mit einem internen Dossier an die Exekutive der Len gewandt hat. In diesen Unterlagen werden weitere Zahlungen an Elevan für „Identifizierungs- und Unterstützungsaktivität“ im Zusammenhang mit Sponsorenverträgen aufgeführt. Auch an zwei weitere Unternehmen, CIR AUR und Eurozona, beide in Italien als Immobiliengesellschaften geführt, wurden mehrere Honorare über Summen zwischen 20.000 und 24.400 Euro gezahlt für „Organisation logistischer Dienstleistungsaktivitäten“ und „kommerzielle Unterstützung“. CIR AUR befindet sich mehrheitlich im Besitz von Len-Präsident Barelli. Dieser äußert sich auf Nachfrage zu den Vorgängen nicht.

          Der „Brief an den Präsidenten“

          In der Len-Spitze waren weder diese drei Firmen noch die Vereinbarung mit Elevan vor Consolos Schreiben aus dem Dezember anderen als den drei Unterzeichnern bekannt. Auch bei der EBU, die seit 2013 Verträge im Wert von mehr als 13 Millionen Euro für Übertragungsrechte mit der Len geschlossen hat, sei, einem Mailverkehr zwischen Consolo und den Len-Vizepräsidenten Sven van Holst und Christa Thiel zufolge, die Firma mit dem Namen Elevan unbekannt. Es sei Geschäftspraxis der EBU, nicht mit Agenturen zu verhandeln. Auch bei den Verhandlungen zwischen Len und EBU sei keine dritte Partei beteiligt gewesen, die EBU erwarte eine Untersuchung. Christa Thiel, die langjährige Präsidentin des Deutschen Schwimm-Verbands, war wie van Holst den Unterlagen zufolge früh von Consolo ins Vertrauen gezogen worden. Es war Thiel, die Nachfragen an die EBU gestellt und ein Treffen der Len-Exekutive im Januar am Rande der Wasserball-EM in Budapest angeregt hatte.

          Gleich hinter der Spitze: Len-Vizepräsidentin Christa Thiel
          Gleich hinter der Spitze: Len-Vizepräsidentin Christa Thiel : Bild: dpa

          Bei diesem Treffen lösten die Darstellungen Consolos zunächst einen erbosten Aufruf zur Untersuchung der Len-Finanzen von Seiten der anwesenden Vorstandsmitglieder aus. Tags darauf erklärte sich Barelli und teilte den anwesenden Vorstandsmitgliedern nach Angaben von Consolo unter anderem mit, dass die Zahlungen an CIR AUR eine Rückerstattung an ihn seien, nachdem er jahrelang „eine sehr große Summe“ seines eigenen Geldes und der Mittel des italienischen Schwimmverbandes genutzt habe, um die Len in einer finanziell schwierigen Zeit zu unterstützen.

          In einem „Brief an den Präsidenten“, den sechs Vorstandsmitglieder anschließend verfassten und unterzeichneten, heißt es, man folge Barellis Darstellungen. Elevan sei an der Neuverhandlung der TV-Rechte beteiligt gewesen. „Die Vereinbarung basierte auf dem erfolgreichen Abschluss eines verbesserten Vertrags. Und es wurde vereinbart, dass das Unternehmen ein Honorar erhalten würde, das auf dem zusätzlichen Betrag der zuvor vereinbarten Bedingungen und auf der Verlängerung des Zeitraums basiert.“Gleichzeitig beschuldigten sie Consolo, die Informationen in seinem Dossier manipuliert zu haben, „um ein schlechtes Licht auf den Präsidenten (...) zu werfen“. CIR AUR habe lediglich dazu gedient, Rechnungen auszustellen, die aus Mietkosten für das Rom-Büro des Len-Präsidenten entstanden seien. „Wir sind extrem zufrieden mit den gelieferten Erklärungen“, heißt es abschließend. „Die Informationen sind offenkundig manipuliert worden, um ein schlechtes Licht auf den Präsidenten (...) zu werfen.“

          Christa Thiel unterschrieb den Brief nicht, sie konnte krankheitsbedingt nicht nach Budapest reisen. Sie verweist auf einen noch ausstehenden Bericht externer Prüfer, bis dahin wolle sie sich nicht äußern. Dabei ist nach Informationen der F.A.S. allerdings unklar, ob die Prüfer überhaupt spezifisch das Zahlungsgeflecht überprüfen. Die Staatsanwaltschaft des Kantons Waadt, in dem die Len in Nyon ihren Sitz hat, bestätigt den Eingang der Unterlagen und äußert sich darüber hinaus nicht dazu.

          Bartolo Consolos Fragen beantwortet das alles nicht. „Wenn diese Zahlungen rechtmäßig waren, warum wusste das Präsidium nichts von ihnen oder den Unternehmen?“, sagt er. „Die Führungskräfte erhalten jeden Monat 1000 Euro für ihre Ausgaben und können darüber hinaus Ansprüche geltend machen. Wir haben ein transparentes System eingerichtet. Warum wurde es nicht genutzt?“

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