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Hilfeschrei von Beschäftigten : Eine Kultur der Angst auch im Eisschnelllauf?

DESG-Präsident Matthias Große Bild: Picture-Alliance

Gegen die DESG-Spitze kommen schwere Vorwürfe auf. Verbandspräsident Matthias Große streitet diese ab und bezeichnet einen an ihn übergebenen Bericht als „Schmähschrift“.

          3 Min.

          Auch im Eisschnelllauf wenden sich Beschäftigte des Verbandes mit einem Hilfeschrei an die Öffentlichkeit. Sie beklagen Einschüchterung und, wie ihre Kolleginnen und Kollegen vom DOSB, eine Kultur der Angst. Die Verbandsführung beschimpft sie als Denunzianten und Heckenschützen. Und stellt einen Bundestrainer ein, den der norwegische Verband 2009 wegen einer sexistischen Beleidigung seiner Topläuferin fristlos feuerte.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Matthias Große, Lebensgefährte von Olympiasiegerin Claudia Pechstein und schillernder Unternehmer aus Berlin, bestätigt auf seine Art, dass er, wie es der Spiegel berichtet, den Bericht des Ombudsmannes des DOSB, des Frankfurter Anwalts Felix Rettenmaier, erhalten habe. „Ich habe gelernt, dass ein Brief eine Sendung ist, die Inhalt hat und vor allem auch einen Absender nennt. Was der Anwalt mir in seiner Funktion weiterleiten musste, ist aber eine Schmähschrift. Dieses Pamphlet enthält nicht einen beweisbaren Vorwurf für auch nur irgendetwas“, behauptet er gegenüber der F.A.Z.

          Die Vorwürfe bestreitet er: „Das haben mir die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der DESG nicht bestätigt. Zudem hat das Präsidium einen einstimmigen Beschluss gefasst, zu anonymen und nicht beweisbaren denunzierenden Aussagen keinerlei Stellung zu beziehen.“ Die Nachricht, dass die DESG vom DOSB die Herausgabe von Informationen zu den Whistleblowern verlangt, was der Autor des Spiegel-Artikels auf Twitter verbreitet, will die DESG nicht bestätigen und nicht bestreiten.

          Große baut Druck auf

          Während sich beim DOSB die Ethik-Kommission mit den Vorwürfen beschäftigt, baut Große Druck auf. Anonymität, wie sie Hinweisgeber und Betroffene in Strukturen guter Verbandsführung in Anspruch nehmen können, lehnt Große ab. Zugleich kündigt er denjenigen, die sich stellen würden, Konsequenzen an: „Für alles, was die Leute sagen, müssen sie sich in Haftung nehmen lassen, ganz klar. Das ist keine Drohung, sondern die Legitimation eines Rechtsstaates.“

          Für ihn, der 2020 mit achtzig Prozent der Stimmen Präsident der DESG wurde, ist unzweifelhaft, woher die Vorwürfe stammen. „Diese perfiden Attacken laufen, seitdem wir begonnen haben, den Verband zu rekultivieren und diejenigen nach Hause zu schicken, die nicht den konsequenten Weg des Erfolgs mitgehen wollen und die nicht auf Leistungssport ausgerichtet sind.“ Große hat Sportdirektor Matthias Kulik und Bundestrainer Erik Bouwman entlassen und, durch Vakanz und auslaufende Verträge ermöglicht, praktisch jeden Posten neu besetzt. Die Geschäftsstelle holte er von München nach Berlin. Ohne die Hilfe des DOSB und von dessen Präsident Hörmann, lobt er, wäre die Rettung des Verbandes nicht gelungen.

          Auf die Verpflichtung des neuen Sprint-Bundestrainers ist Große stolz. „Peter Mueller hat es geschafft, dass die älteste Frau in der Elite des Eisschnelllaufs mit 45 Jahren einen Weltcup gewonnen hat, über 5000 Meter, der längsten Distanz. “ Gemeint ist Claudia Pechstein, die mehrmals mit dem Amerikaner zusammenarbeitete. „Natürlich ist er, wie jeder Mensch, ein eigener Charakter und hat sicherlich Ecken und Kanten.“

          Mueller, Olympiasieger von Innsbruck 1976, war nicht zu sprechen: Trainingslager. Von 1988 bis 1991 war er Bundestrainer und von 2016 bis 2018 Trainer des Privatteams Pechstein. Mit 46 Jahren, sieben Jahre nach Ablauf ihrer Sperre für irreguläre Blutwerte, nahm diese an den Olympischen Spielen von Pyeongchang 2018 teil. Von 2007 bis 2009 hatte sie mit dem norwegischen Nationalteam bei Mueller trainiert. Dessen Engagement endete drei Monate vor den Winterspielen in Vancouver 2010, als er beim Weltcup in Berlin Maren Haugli mit einer Bemerkung beleidigte, die sie sexistisch nannte. Er sprach von einer unangemessenen Bemerkung und bestritt den Vorwurf der sexuellen Belästigung.

          2012 verwarf der südkoreanische Verband die geplante Verpflichtung von Mueller; eine Überprüfung habe ergeben, dass er nicht zur Führung des Nationalteams geeignet sei. 2019 entzog ihm der finnische Verband auf Initiative von Sportlerinnen und Sportlern die Verantwortung für die Auswahl; der Verband beschäftigte ihn weiter. „Wenn Mueller irgendetwas vorgeworfen worden wäre, wofür man ihn belangt hätte, dann wäre er nicht Bundestrainer Sprint geworden“, sagt Große. Anwalt Rettenmaier schreibt laut Spiegel über die DESG: „Die Grundsätze der guten Verbandsführung – insbesondere der Transparenz – werden daher insgesamt in Zweifel gezogen.“

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