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Kommentar zur IOC-Entscheidung : Eingeknickt vor Russland

  • -Aktualisiert am

Rehablitiert: Die russische Nationalflagge und die olympischen Ringe dürfen wieder zusammen auf ein Bild Bild: Reuters

Das IOC hebt die Sanktionen gegen Russland auf. Die Wiederaufnahme als vollwertiges Mitglied der olympischen Familie kam nicht überraschend. Zu einer Aufklärung des Dopingskandals wird es nun nicht mehr kommen.

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          Der Mittwoch war eine Art Feiertag in Russland. Zumindest für die aus Südkorea heimgekehrte Olympiamannschaft und das Russische Olympische Komitee (ROC). Es gab Geschenke. Erst von Staatschef Putin: schneeweiße BMW für die Medaillengewinner. Und dann noch eine Gabe für das ROC vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) unter seinem deutschen Präsidenten Thomas Bach: die Aufhebung seiner Suspendierung wegen des Doping-Betrugs von Sotschi 2014. Künftig darf die National-Fahne wieder gehisst und die Hymne wieder gespielt werden bei Olympia. Der Sportminister frohlockt.

          Die Wiederaufnahme als vollwertiges Mitglied kam nicht überraschend. Das IOC hatte am vergangenen Sonntag angekündigt, nur die Auswertung aller noch nicht analysierten Doping-Proben abwarten zu wollen. Offenbar ist nichts Positives mehr gefunden worden nach den zwei Doping-Befunden im russischen Team. Und prompt gibt es den Stempel aus Lausanne auf die Stirn: sauber! Ausgerechnet von jener Institution, die sich nicht ganz zu unrecht rühmt, die Glaubwürdigkeit von Athleten zumindest zehn Jahre in der Schwebe halten zu wollen.

          Damit erstens ein Doper bis zum Einsetzen der Verjährung eine Dekade nach seinem Olympiasieg dank neuer oder besserer Nachweismethoden doch noch erwischt werden kann; und zweitens der potentielle Betrüger vor lauter Angst die Finger von verbotenen Substanzen lässt. Richtig, bis 2028 kann das IOC nicht warten. Warum aber schaltet es vom Schneckentempo in Aufklärungsfragen in den Formel-1-Gang?

          Zwischen der offiziellen Suspendierung des ROC Anfang Dezember 2017 und der Aufhebung sind drei Monate vergangen. In diesem Zeitraum hat es Russlands politische Führung trotz seiner Verflechtung nicht für nötig gehalten, die Erkenntnisse der IOC-Kommissionen zu bestätigen. In offizieller russischer Lesart hat es das dokumentierte Staats-Doping gar nicht gegeben, der vom IOC als glaubwürdig eingeschätzte Kronzeuge wird als verwirrter Staatsfeind betrachtet und muss sich im Zeugenschutzprogramm verstecken, weil ihm sein Leben lieb ist. Daheim in Moskau aber soll alles wieder in bester Ordnung sein.

          Dieses Signal hat das IOC am Mittwoch in die Welt gesendet. Und alle Erfahrungen ignoriert, die Anti-Doping-Kämpfer mit Doping-Systemen haben. Thomas Bach weiß aus eigener Anschauung, wie lange es dauert, bis sich der Staatsplan Doping der DDR, bis sich eine systemische Manipulation wie in der Bundesrepublik nach Enttarnung und Anerkennung vollends auflöst. Bis heute wirken ehemalige Doper in einem Sportsystem, von dem wir Deutschen dennoch gerne behaupten, beim Aderlass nach dem Fall der Mauer sei jeder Tropfen Gift ausgepresst worden.

          Wer in Russland involviert war, vom Athleten, über den Trainer, den Arzt bis zum Funktionär und Politiker, ist bislang nur im Ansatz deutlich geworden. Zu einer Aufklärung im großen Stil wird es nicht mehr kommen. Deshalb bleiben viele Mitgestalter des Betrugs im Spiel. Sie werden im Moment in Deckung verharren, nach einer gewissen Zeit aber wieder aktiv werden. Weil das IOC vor Russland einknickte.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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