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Vereine kritisieren den DOSB : „Sport braucht Menschen“

Corona-Saison: Noch wird draußen trainiert – aber was kommt danach? Bild: dpa

Der „Freiburger Kreis“, ein Zusammenschluss von 180 Großvereinen in Deutschland, bewältigt große Pandemie-Probleme. Nun beklagt er eine Lähmung des Dachverbands.

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          Dem Sport weht kalt der Wind ins Gesicht. Sportvereine haben in der Pandemie, um sich frei bewegen zu können, Aktivitäten ins Freie verlagert, viele haben sogar die schweren Geräte ihrer Fitness-Studios an die frische Luft geschleppt. Nun beginnt der Herbst, und etwa bei der TSG Bergedorf in Hamburg bestehen nicht wenige der 11.000 Mitglieder darauf, das Sonnendach, das der Verein provisorisch auf einem Parkplatz aufgestellt hat, nicht wie geplant abzubauen. Als Vereinsvorstand Boris Schmidt fragte, wie sie sich vorstellten, dort bei Kälte, Regen und Schnee zu trainieren, bekam er zur Antwort, dass man das auch in langen Hosen und mit langen Ärmeln tun könne – insbesondere bei der Aussicht, drinnen womöglich gar nicht Sport treiben zu dürfen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Die neue Kernigkeit ist exemplarisch. Als zu Beginn der Pandemie bei der TSG der Kursbetrieb stillstand, verlor der Verein Einnahmen in Höhe von 30.000 Euro pro Woche. Die 180 Großvereine, die Schmidt als Vorsitzender des Arbeitskreises „Freiburger Kreis“ vertritt, haben mit dem Zug ins Freie Sportverbot und Abstandsregeln überspielt, Kapazität geschaffen, Einnahmen gesichert und sich als zukunftsfähig erwiesen. Kurzarbeit des hauptberuflichen Personals und Zahlungsstopp sind bei den meisten von ihnen Themen von gestern.

          Innovation schafft neue Probleme

          Eintracht Hildesheim mit mehr als 7000 Mitgliedern hat einen Fitness-Garten geschaffen. „Wir brauchen gute Ideen für den Neustart“, sagte ihr Vorstandsvorsitzender Clemens Löcke, als sich der „Freiburger Kreis“ am Wochenende in Dresden auf dem Weg „Von der Not zur Tugend“ traf, so der Titel der Veranstaltung, und über Wege aus der Corona-Krise beriet. Innovation schafft neue Probleme. Der TV 1848 Erlangen, 6500 Mitglieder stark, braucht dringend ein Dach über seinem Fitness-Studio an der frischen Luft – und erhält keine Baugenehmigung.

          „Wir haben gemerkt, dass viele Sportstätten nicht das sind, was wir brauchen“, resümierte Birgit Faber vom TSV Falkensee bei Berlin. Der Sport sollte sich in seiner Struktur hinterfragen, riet die Vorsitzende des Vereins mit mehr als 4000 Mitgliedern. Er sei systemrelevant. „Ich wünsche jedem Spitzensportler, dass er seine Ziele erreicht“, sagte die Vereinsvorsitzende: „Doch wichtig ist, dass neunzig Prozent der Bevölkerung an den Angeboten des Sports partizipieren.“

          Das Angebot für Bewegung traf auf Bedarf an Begegnung. Mancher Verein bot an, Einkäufe für Senioren zu erledigen, mancher Verein fragte die ältesten Mitglieder direkt, wie es ihnen gehe. Alle stellten fest: Mindestens genauso wichtig wie Anleitungen für Übungen mit dem Kissen auf der Couch war es, Zeit und Geduld für ein Gespräch zu haben. „Da hätten wir auch früher drauf kommen können“, urteilte der Hildesheimer Löcke. Konsequenz der Zuwendung in seinem Klub: eine Spendenwelle. Was den Entschluss auslöste: „Wir werden im Bereich Mitgliederbindung neue Wege gehen.“

          Gesellschaftliche Bedeutung der Vereine

          Der Hinweis auf ihre gesellschaftliche Bedeutung ist den Vereinen wichtig, da ihnen die Hilfsfonds des Bundes, anders als die mancher Länder, nicht helfen. Das mit 25 Milliarden Euro ausgestattete Überbrückungsprogramm für den Mittelstand hat, wenn man die spontane Umfrage in Dresden als repräsentativ nimmt, ein einziger Großsportverein in Anspruch genommen: Der TV 1848 Erlangen konnte 63 Prozent Einnahmeverlust nachweisen und erhält, bei einem Etat von drei Millionen Euro im Jahr, 15.000 Euro. Die Vereine, wirtschaftlich wie große mittelständische Betriebe aufgestellt, mit dem Vorteil der Gemeinnützigkeit und dem Handicap, keine Rücklagen bilden zu dürfen, profitieren auch nicht von den 200 Millionen Euro, die aus dem Innenministerium an die Profiklubs verschiedener Ligen fließen sollen.

          Dieses Geld dient nach Ansicht der Basis eher der Bezahlung von Berufssportlern als dem Erhalt von Strukturen für die sporttreibende Öffentlichkeit. Selbst die Hilfe einiger Länder ist für Großvereine nicht passend, etwa wenn Niedersachsen im Einzelfall höchstens 25.000 Euro aus seinem Programm von sieben Millionen überweist. Kurz vor Ablauf der Frist hatten deshalb lediglich 47 Vereine zusammen 135.000 Euro beantragt.

          Die Politik solle aufgreifen, was Sport und Vereine zu bieten hätten, forderte Schmidt, und ihnen den Betrieb erleichtern. Sport stärke Körper und Psyche, die in der Pandemie nicht allein vom Virus belastet werden. Sport stärke die Widerstandskraft, Sport helfe, mobil zu werden und es im Alter zu bleiben, Sport sei Prävention und Therapie. Schmidt forderte, den organisierten Sport als Ansprechpartner zu bevorzugen, da er, im Gegensatz etwa zum ungeregelten Betrieb an Badestränden und Skateanlagen, mit Abstand und Hygienekonzept stattfinde: „Vereinssportlerinnen und -sportler sind es gewohnt, Regeln einzuhalten.“

          Den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) kritisierte Schmidt scharf. „Wir tun uns schwer damit, wenn der DOSB fast jeden Mitarbeiter, der in seiner Zentrale nicht aus Drittmitteln finanziert wird, in Kurzarbeit schickt. In der Zeit, zu der Sport Power braucht, zu der Sport Menschen braucht, die dafür kämpfen, dass es wieder nach vorne geht, Mitarbeiter in Kurzarbeit zu schicken, als Dachorganisation des deutschen Sportes, das halte ich für mehr als problematisch“, rief er unter Applaus. Der DOSB solle sich nicht auf Leistungs- und Profisport konzentrieren, sondern deutlich machen, was die Vereine für die Gesellschaft tun.

          Schmidt kritisierte auch die Vakanz auf dem Vorstandsposten für Sportentwicklung. Der DOSB hat den Vertrag von Karin Fehres nicht verlängert. Zusätzlich zur Lähmung durch Kurzarbeit sei dadurch die Abteilung ausgerechnet in der Pandemie führungslos, da es darum gehe, neue Konzepte zu entwickeln, beklagt Schmidt. Er befürchte, dass der Posten nicht neu besetzt werden könnte, um Geld einzusparen. Vereine und Landessportbünde seien darauf angewiesen, dass in dieser schwierigen Phase ihre Dachorganisation stärker sichtbar tätig werde und die Basis des Sports unterstütze.

          Die befürchtete Austrittswelle sei in den Vereinen des „Freiburger Kreises“ nicht eingetreten, ließ Schmidt wissen, aber: „Die schwierige Zeit wird noch kommen.“ Problematisch sei das Ausbleiben von Eintritten. Die Krise wirkt auch deshalb als Innovationstreiber: für Buchungssysteme, die Digitalisierung von Managements und Kommunikation, für die Sanierung der vereinseigenen Gebäude. Die TSG Bergedorf schickte auf dem Höhepunkt der Kontaktverbote einen ihrer Trainer mit mobiler Verstärkeranlage vor die Hochhäuser der Nachbarschaft. Mit Musik aus seiner Heimat lockte der aus Brasilien stammende Mann die Mieter auf ihre Balkone und animierte sie zu Sport und Bewegung. Nun hofft die TSG, dass sie dem Coach in den Verein folgen.

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