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Verbandsquerelen : Die Tischtennis-Führer Gäb und Gründahl vor einem Scherbenhaufen

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Im Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB) herrscht ein bizarrer Wettstreit. Wie mag der Kampf zwischen den Lagern des DTTB-Präsidenten Walter Gründahl und des Ehrenpräsidenten Hans Wilhelm Gäb enden? Unabhängig vom Sieger hat das deutsche Tischtennis schon viel an Ansehen verloren.

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          Im Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB) herrscht ein bizarrer Wettstreit. Wie mag der Kampf zwischen den Lagern des DTTB-Präsidenten Walter Gründahl und des Ehrenpräsidenten Hans Wilhelm Gäb enden? Unabhängig vom Sieger hat das deutsche Tischtennis schon viel an Ansehen verloren. Wenn, wie Mitte März geschehen, der DTTB-Präsident vom saarländischen Verbandspräsidenten zum sofortigen Rückzug wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten aufgefordert wird, dann leidet nicht nur der Ruf des ersten Mannes, sondern der ganzen Sportart. Viel schlimmer noch wirkt sich auf das Image des DTTB aus, daß die Landesverbände Württemberg-Hohenzollern, Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein vom Ehrenpräsidenten Gäb den Rücktritt verlangten. Ein Affront, dessen Schwere gar nicht überschätzt werden kann. Hans Wilhelm Gäb, ehemaliger Nationalspieler und Spitzenmanager bei General Motors, ist eine der angesehensten Persönlichkeiten des deutschen Sports, mit einer Strahlkraft weit über das Tischtennis hinaus.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Selbstzerfleischung

          Was hat die Funktionäre veranlaßt, in einem Akt der Selbstzerfleischung eine Führungskrise heraufzubeschwören? Stark vereinfacht gesagt, konnte es Gründahl auf Dauer nicht ertragen, als Präsident einen Ehrenpräsidenten neben oder gar über sich zu haben. Gäb besitzt Sitz und Stimme im Präsidium. Dies Recht ist seinen Fähigkeiten und seiner Persönlichkeit geschuldet. Als er 1994 wegen einer schweren Krankheit als Tischtennis-Präsident und von allen anderen Positionen im Sport zurücktreten mußte, wollte sich der DTTB mit dieser Konstruktion seine Kompetenz sichern, sobald Gäbs Gesundheit sein Mitwirken wieder zulassen würde. Längst kann Gäb wieder mittun. Der Wirtschafts- und Sportführer hat dem deutschen Tischtennis viele Türen geöffnet. So vermittelte er Sponsorverträge in Höhe von zehn Millionen Euro, zuletzt bewog er das Unternehmen mg technologies, sich im DTTB zu engagieren. Niemals verlangte Gäb eine Provision.

          Aber sein Wirken wird von vielen auch als Störung empfunden. Gründahl fühlte sich gebremst, einige Landesfürsten zurückgesetzt. Und so werfen die Regionalverbände Gäb in der Begründung ihrer Rücktrittsforderung vor, daß sich "Ihre Einflußnahme nicht mit der Rolle eines Ehrenpräsidenten verträgt,... Sie Ihre Ziele unnachgiebig verfolgen und daß es Ihnen nicht gelingt, andere Meinungen gelten zu lassen". Unbestreitbar ist, daß Gäb in seinem Verband Einfluß nimmt, versucht, ihm genehme Personen und Projekte zu fördern. Gründahl wird von Gäb schon länger nicht mehr gefördert. Von 2000 bis März 2004 arbeiteten die beiden zumindest nach außen lautlos zusammen. Doch das latente Gefühl der Bevormundung führte schließlich zum Eklat: Gründahl warf Gäb schriftlich vor, einige Entscheidungen im DTTB um seines persönlichen Vorteils willen beeinflußt zu haben. Der Aufforderung, diesen Vorwurf zurückzunehmen, kam Gründahl nicht nach. Als der Kieler im März 2004 erklärte, er könne sich aus wirtschaftlichen Gründen im Juni 2005 nur noch zur Wiederwahl stellen, wenn er als Präsident eine Aufwandsentschädigung erhielte, kündigte Gäb seinen Widerstand dagegen an.

          Gerüchte und Dementis

          Seitdem herrscht so etwas wie ein Sezessionskrieg im DTTB. Freunde Gäbs schießen Gründahl an, Freunde Gründahls feuern gegen Gäb. Im Dezember konnte Gründahl ein Mißtrauensvotum gegen ihn nur noch dadurch abwenden, daß er auf eine Wiederwahl im kommenden Juni verzichtet. Damit schien die Lage bereinigt, zumal mit Thomas Weikert ein neutraler und von allen respektierter Nachfolger gefunden worden war. Aber der Konsens besteht nicht mehr. Weikert erhielt einen Brief von einigen Landesverbänden, daß sie seine Kandidatur nicht mehr unterstützten, weil er sich im Streit zwischen Gäb und Gründahl zu neutral verhalten habe.

          Zuvor hatte der Präsident des Saarländischen Tischtennisbundes, Hermann Leinenbach, zu recherchieren begonnen, ob Gründahl während seiner ersten Amtszeit als DTTB-Präsident zwischen 1994 und 1996 95800 Mark von der verbandsnahen Tischtennis-Marketing Gesellschaft (TMG) ohne entsprechende Gegenleistung erhalten habe. Nur eine buchungstechnische Ungenauigkeit? Obwohl Gründahl vom DTTB-Schatzmeister Klaus Maier, von der TMG-Geschäftsführerin Britta Gerlach und von den Gesellschaftern der TMG Böhne und Gärtner entlastet wurde, ging Leinenbach mit der Rücktrittsforderung gegen Gründahl an die Öffentlichkeit. Den entlastenden Aussagen stehen nämlich die eidesstattlichen Versicherungen von Gäb und dessen Präsidiumskollegen Eberhard Schöler entgegen, nichts von den "Vereinbarungen" mit Gründahl gewußt zu haben. Aber Leinenbachs Vorpreschen vor der Klärung zeigt die Verhältnisse im DTTB: Um Gründahl anzuschießen, wird ein Schaden für den Verband in Kauf genommen.

          Der Gegenangriff ließ nicht lange auf sich warten: Als vorläufigen Schlußpunkt der Schlammschlacht machten Gründahl und die TMG-Gesellschafter Böhne und Gärtner Andeutungen, daß es auch bei Gäb fragwürdige Zahlungen der TMG gegeben haben könnte. So hätte die ehemalige Bundestrainerin Eva Jeler über einen Zeitraum von mehreren Jahren 500000 Mark von der TMG für Persönlichkeits- und Werberechte erhalten, die in keiner Relation zu ihrem Wert stünden. Zudem habe Gäb 1993 Spenden in Höhe von 48000 Mark an die vom Bürgerkrieg gebeutelten Verbände des früheren Jugoslawien verteilt, ohne Quittungen dafür erhalten zu haben. In beiden Fällen kann Gäb lückenlos die Korrekheit der Vorgänge dokumentieren. Das sagt er und wird vom DTTB bestätigt. Dennoch schrieben die TMG-Gesellschafter Böhne und Gärtner in einer Pressemitteilung: "Wir ermitteln, ob für diese Zahlung (an Jeler) überhaupt eine Gegenleistung erfolgte." Wann mag die Schlammschlacht enden? Frühestens mit Gründahls Ausscheiden im Juni und der Präsidentenwahl besteht die Chance zu einer Beruhigung. Das Ende ist offen, nur eines kann den DTTB trösten: Viel mehr Porzellan kann nicht mehr zerschlagen werden.

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