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Umstrittene Sportwetten : Wer diktiert, wer taktiert?

Vorbild Real Madrid: Die deutschen Profivereine hoffen auf Sponsoringverträge mit Wettanbietern - dafür muss das staatliche Monopol fallen Bild: AFP

Bis Jahresende entscheiden die Ministerpräsidenten der Länder über die Zukunft des staatlichen Sportwettenmonopols. Das Tauziehen um die Gunst der Staatskanzleien zwischen Sportverbänden und Lottogesellschaften hat begonnen.

          In Deutschland ist es legal, bei privaten Wettbüros auf den Ausgang eines Pferderennens zu setzen - nicht aber auf das Ergebnis eines Fußballspiels. Dieser Widerspruch ergibt sich aus dem deutschen Glücksspielstaatsvertrag, in dem das staatliche Wettmonopol fest verankert ist. Und so werden zur Fußball-Weltmeisterschaft Millionen Wettkunden aus Deutschland wieder abwandern und ihre Wette bei ausländischen Internetanbietern abgeben.

          Michael Ashelm

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Christoph Becker

          Längst ist hier in den vergangenen Jahren ein gigantischer Graumarkt entstanden - und das vor allem zum Nachteil des deutschen Fiskus. Der Deutsche Buchmacher Verband macht diese Rechnung auf: Käme es zur Legalisierung des Sportwettenmarktes, könnte der Staat 200 Millionen Euro verdienen, wenn er absehbare Wettumsätze von zehn Milliarden Euro mit zwei Prozent besteuerte.

          Doch an Einkünfte dieser Art ist derzeit nicht zu denken. Der Staatsvertrag zum Wettmonopol läuft zwar Ende 2011 aus und muss in diesem Jahr evaluiert werden. Ob sich aber an den politischen und rechtlichen Rahmenbedingungen etwas ändern wird, ist fraglich. Vor Pfingsten luden die Ministerpräsidenten der Länder zu einer Anhörung ein, um sich einen Überblick zu verschaffen, nachdem zuvor 181 Institutionen schriftliche Stellungnahmen abgegeben hatten.

          Gigantischer Graumarkt: Der staatliche Wettanbieter Oddset hält nur etwa fünf Prozent am deutschen Markt - der Rest wandert zu ausländischen Anbietern ab

          Federführend für den Sport nahm der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) mit Generaldirektor Michael Vesper teil. Nach insgesamt 41 Nachfragen, die in zwei jeweils siebenstündigen Sitzungen in Mainz beantwortet wurden, wissen die Sportvertreter nicht recht, ob sie mit ihrem Konzept für eine kontrollierte Öffnung des Sportwettenmarktes punkten konnten. Martin Nolte, Sportrechtsprofessor in Kiel, hatte im Auftrag des DOSB ein Modell skizziert, von dem sich der deutsche Sport die kontrollierte Öffnung des Sportwettenmarktes verspricht - und mehrere hundert Millionen Euro an Sponsorengeldern im Jahr.

          Die Lotteriegesellschaften haben Angst um ihr Lottomonopol

          Die Kernpunkte des Konzepts: Aufrechterhaltung des staatlichen Lotteriemonopols, staatlich kontrollierte Lizenzierung von Sportwettenanbietern und die Erhebung einer von der Lizenzerteilung unabhängigen Sportwetten-Abgabe von den Anbietern, zur Regulierung und Überwachung der Sportwetten. So soll das Angebot begrenzt, der illegale in den legalen Markt gelenkt werden. An den Erträgen aus der Abgabe soll der Breitensport beteiligt werden. „Es ist zum Teil sehr schwierig“, stellt Nolte fest, „Aufmerksamkeit für die eigenen Argumente zu gewinnen.“

          Die Angst der Lottogesellschaften: Nach dem Sportwettenmonopol könnte auch das Lottomonopol fallen. Diese Sorge sei unbegründet, heißt es bei Sportfunktionären und Sportwettenanbietern. Doch die Verteidiger des Monopols sehen das anders. „Eine Liberalisierung wäre das Ende der Förderung des Breiten- und Amateursports“, behauptet Erwin Horak, Chef der bayerischen Lotterieverwaltung und bundesweit Sprecher für die staatlichen Glücksspielbetriebe.

          Der Vorwurf des DOSB: Nähe zwischen Lottogesellschaften und Landespolitikern

          Rund fünf Milliarden Euro erwirtschaften die Lottogesellschaften der Bundesländer jährlich, ein Zehntel davon fließt derzeit in die Sportförderung. „Manche Lotto-Vertreter gehen mir an das Thema viel zu emotional ran, statt sich rational damit auseinander zu setzen und die eigenen Vorschläge offensiv zu vertreten. Zuckerbrot und Peitsche helfen da wenig und Drohungen schon gar nicht. Aber ich bin optimistisch, dass wir uns künftig sachlich über den besten Weg verständigen können“, sagt Vesper.

          Auf Seiten des DOSB kommt dennoch mancher zu der Ansicht, dass es vielen Landespolitikern ganz recht ist, wenn die Verhältnisse bleiben, wie sie sind. „Ich habe den Eindruck, dass die richtigen Argumente noch nicht gänzlich angekommen sind“, sagt Nolte. Die Glücksspielaufsichten der Länder und die Lottogesellschaften stünden traditionell eng beieinander, die größtmögliche Bewahrung des Status quo scheine von großer Bedeutung zu sein.

          Balzen um den Breitensport

          Besonders kurz ist der Draht auch zwischen Lotto Rheinland-Pfalz und dem Landessportbund im Südwesten, der mit 49 Prozent an der staatlichen Lottogesellschaft beteiligt ist. Das zeigte sich in Mainz: Als einziger Landessportbund gaben die Rheinland-Pfälzer eine eigene Stellungnahme ab - abweichend von der Linie des DOSB plädieren sie für die Beibehaltung des Sportwettenmonopols. Das politisch gut verwendbare Argument, die Sportverbände seien sich selbst nicht einig, wurde den staatlichen Lottogesellschaften so auf dem Silbertablett serviert.

          Zudem haben die Geschäftsführer der Lottogesellschaften die Hoffnung noch nicht aufgegeben, den Sport mit finanziellen Versprechen vom Monopol zu überzeugen. Vor allem um den Breitensport wird gebalzt: Die Lottogesellschaften und der Breitensport gehörten auch in Zukunft zusammen, sollten ein eigenes Konzept erarbeiten zur Stärkung des Oddset-Angebots und zu einer finanziell besseren Beteiligung der Vereine.

          Konkrete Ergebnisse aus der Mainzer Fragerunde gibt es vorerst nicht, sieben Arbeitskreise wurden eingesetzt: So kümmert sich die rheinland-pfälzische Landesregierung um mögliche Regulierungsmodelle, Bayern um die Abgabenerhebung, Niedersachsen um die Suchtbekämpfung und Berlin um Internetangebote. „Die verantwortlichen Politiker warten auf den Ausgang der Evaluierung“, sagt Nolte.

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