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Ulrike Nasse-Meyfarth : „Ein Sportministerium wäre ein Fortschritt“

Manchmal kommen Kleine auf mich zu und sagen, die Mama hat gesagt, Sie sind Olympiasiegerin. Aber begreifen tun die das nicht. Kinder leben im Jetzt, vergleichen sich im Jetzt, sie sehen, ob sie sich verbessert haben, ob sie gewonnen haben oder nicht.

Aber sie sehen die Leichtathletik nicht mehr im Fernsehen. Hat das Folgen?

Ich muss meinen Kindern im Training erst mal erklären, was ein Schersprung, was ein Flop und was ein Tiefstart ist – so was haben sie noch nie gesehen. Die meisten jedenfalls. Nur wenige Kinder spielen noch draußen und versuchen sich am Handstand. Mit einer Rolle vorwärts wird’s schon schwierig. Der Hürdenläufer Harald Schmid hat schon vor Jahren gesagt, dass manche Kinder nicht einmal rückwärts laufen können.

Sehen Sie eine Lösung?

Der Wintersport hat sich zusammengetan und bietet den öffentlich-rechtlichen Sendern ganze Wettkampftage, ganze Wochenenden mit einer Palette von Wettbewerben. Es ist eine Aufgabe der Leichtathletik und anderer Sommersportarten wie zum Beispiel Schwimmen, Rudern und Kanu, ihre Events ebenso zu organisieren. Wir müssen aber auch lernen, dass es nicht immer Spitzenergebnisse und Rekorde geben kann, sondern die Wettbewerbe an sich einen Wert haben: Wer besiegt wen, wer ist Erster, wer Zweiter?

Wie erleben Sie Leichtathletik in Deutschland?

Bei uns werden Sportler erst mal skeptisch angeschaut: Warum tust du dir diesen Aufwand an und vernachlässigst Studium und Berufsausbildung? In Ländern, in denen der Sport, insbesondere die Leichtathletik, ein Mittel des sozialen Aufstiegs ist, werden sie bewundert. In Kenia, in Äthiopien haben Läuferinnen und Läufer ein Ansehen und materielles Auskommen wie bei uns nur Fußballer.

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Sie habe einmal beschrieben, wie verunsichert Sie als junges Mädchen durch Ihre Länge waren...

Ich war froh, dass ich meinen Sport hatte. Ich war unter meinesgleichen, Mädchen, die noch größer waren als ich. Wenn man das sieht, geht man anders durchs Leben, als wenn man sich immer von den Zwergen hänseln lassen muss. In der Leichtathletik gibt es für jeden eine Disziplin, egal, ob dick oder dünn, ob klein oder groß. Da findet jeder etwas, um sich zu verwirklichen.

Sport als Entwicklungsprogramm?

Ich sage immer: Ihr müsst eure Kinder gut über die Pubertät bringen, dann habt ihr viel erreicht. Alles andere ist Zugabe. Diese Einstellung, dass Sport und ein gewisser sportlicher Ehrgeiz Kindern und Jugendlichen durch schwierige Zeiten und kniffelige Situationen hinweghelfen, muss eigentlich vom Kindergarten bis zur weiterführenden Schule verbreitet, aber auch von den Eltern wenn nicht vorgelebt, aber zumindest gefördert sein. Leider ist es das überhaupt nicht.

Und was machen wir mit der IAAF?

Zumindest das Council muss aufgelöst werden. Wer da drin war, hat fast alles gewusst, das sagt auch die Kommission der Wada. Die IAAF, wie viele andere nationale und internationale Verbände auch, braucht einen hauptamtlichen Vorstand mit einer Aufsicht aus wenigen kompetenten und seriösen Leuten.

Sie trauen Sebastian Coe die Reform nicht zu?

Wie soll man einen Apparat mit solchen Verstrickungen von innen heraus erneuern? Erst lässt er sich von einer Mehrheit wählen, nun soll er sie brüskieren – das geht überhaupt nicht.

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