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Russland und die Leichtathletik : Vorsprung dank Doping

Putins cheer girl: Stabhochspringerin Issinbajewa erweist sich als begeisterte Apologetin der Staatsdoktrin Russlands. Bild: AFP

Was tun oder lassen mit den Russen – das ist die drängende Frage im Sport. Die Leichtathleten haben eine Antwort gefunden. Auch wenn sie bizarr erscheint.

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          Welch ein Glück, dass die Leichtathleten Lamine Diack hatten. Nicht, dass sie dies so sahen, als ihr langjähriger Präsident, kaum hatte er sich 2015 freiwillig von der Spitze des Verbandes zurückgezogen, verhaftet wurde wegen des Verdachts der Korruption, der Geldwäsche und der Erpressung. Vermutlich grämten sie sich auch, als der Greis aus Senegal im September 2020 in Paris zu Gefängnis- und Geldstrafe verurteilt wurde.

          Um mit der Ära Diack abschließen zu können, stießen sie eine profunde Strukturreform an und eine umfassende personelle Erneuerung. Der Verband musste einige Millionen Euro abschreiben und legte sich, um die Erinnerung zu tilgen, sogar einen neuen Namen zu. Statt wie seit seiner Gründung 1912 IAAF heißt die Organisation seit 2019 World Athletics.

          Als Wladimir Putins Armee die Ukraine überfiel und seit inzwischen acht Wochen mordet, vergewaltigt und brandschatzt, stand auch der Sport vor einer gewaltigen Herausforderung. Was tun, und vor allem: Was lassen mit den Russen? Die Antwort, sie nicht mehr mitspielen zu lassen und auf das Geld ihrer Sponsoren zu verzichten, lag auf der Hand. Doch dies konsequent umzusetzen, erweist sich als schwierig.

          In mehr als dreißig der vierzig Weltverbände mit olympischen Sportarten haben Funktionäre aus Russland noch etwas zu sagen. Selbst das Internationale Olympische Komitee (IOC), im eigenen Anspruch auch moralisch die höchste Instanz des Weltsports, lässt sich weiterhin von den zwei russischen Mitgliedern Schamil Tarpischtschew und Jelena Issinbajewa sowie den Ehrenmitgliedern Witali Smirnow und Alexander Popow vertreten. Insbesondere die einstige Stabhochspringerin Issinbajewa erweist sich als begeisterte Apologetin der Staatsdoktrin Russlands und dessen Militarismus, in der Sprache des Sports: Putins cheer girl.

          Die Leichtathleten und ihr Präsident Sebastian Coe, Olympiasieger, Lord und Mitglied des IOC, haben das Problem nicht. Diack hatte das russische Staatsdoping in einem solchen Maße unterstützt, dass der Verband des Landes seit 2015 suspendiert ist. Lediglich die Startmöglichkeit für sogenannte neutrale Athleten musste World Athletics streichen. Das Projekt Wiederaufnahme ist gestoppt.

          Von solch einer Konstellation kann keine andere Sportart profitieren. Viele stehen gar vor der Aufgabe, sich von russischem Einfluss zu befreien und von den Zuwendungen russischer Sponsoren und Oligarchen zu entwöhnen. Sie haben sich zum Spielzeug russischer Milliardäre und Werkzeug Putins beim Erwerb von Einfluss und Ansehen gemacht.

          Der Schrecken des Krieges wird es nicht zulassen, bald zu einem Sporttreiben wie vor dem Überfall zurückzukehren. Unvorstellbar, dass bei den Olympischen Spielen von Paris 2024 Athleten aus Russland antreten, ob unter der Flagge ihres Landes oder nicht. Zu Mut und Einfallsreichtum beim Ausschluss hat am Wochenende deshalb das kanadische IOC-Mitglied Richard Pound aufgefordert: keine Einladungen nach Russland schicken, den Staat bitten, Athleten und Funktionären aus Russland die Einreise zu verweigern. Auseinandersetzungen vor Gericht sollten die Verbände nicht scheuen; schließlich entziehe der Überfall der Russen dem Sport seine Grundlage.

          Die Leichtathleten, darauf sollten sie selbst kommen, könnten ihren Vorsprung nutzen, um allzu enge Verbindungen mit zweifelhaften Personen und Regimes zu überprüfen. Nicht, dass eines Tages Entwicklungen im arabischen Raum oder in China sie einholen.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

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