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Türkischer Fußball : Jeder mal ein kleiner Tosun?

  • Aktualisiert am

Torjubel geht auch sportlich: Torschütze Ayhan verweigert sich dem militärischen Gruß. Bild: dpa

Nachahmer des Fußball-Nationalspielers, die in der Arena militärisch salutieren, müssen mit Verfahren rechnen. Zwei türkische Profis von Fortuna Düsseldorf schließen sich im Stade de France nicht an.

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          Türkische Spieler salutieren mit militärischem Gruß auf dem Fußballplatz: Lässt sich die Ausbreitung dieser Geste überhaupt noch eindämmen? Und wie muss man sie interpretieren? Als Solidarität mit Soldaten, die in den Krieg ziehen müssen? Als Befürworten der international verurteilten türkischen Militär-Offensive in Nordsyrien? Oder als Mutprobe unter jungen Männern?

          Im Bereich des Bayerischen Fußballverbandes haben laut Agenturberichten am vergangenen Wochenende bei mindestens zwei Partien Spieler nach Toren in Richtung der Zuschauer salutiert – offensichtlich als Nachahmer der türkischen Nationalspieler, die dies nun bereits bei zwei Anlässen taten, bei den EM-Qualifikationsspielen gegen Albanien am Samstag und gegen Frankreich am Montag. Ausgangspunkt war der militärische Gruß des in Wetzlar geborenen Profis Cenk Tosun, der das entscheidende 1:0 gegen Albanien in der 90. Minute erzielt hatte.

          Jeder mal ein kleiner Tosun? Der Bayerische Landesverband teilte inzwischen mit, dass „ein solches provozierendes Verhalten nicht toleriert und jeder einzelne Fall zur Anzeige vor dem Sportgericht gebracht wird.“ Auf der Homepage teilte er mit: „Spieler, die den Fußball für politisch motivierte Provokationen missbrauchen, können sich der Diskriminierung gemäß Paragraf 47a der Rechts- und Verfahrensordnung schuldig machen und müssen mit empfindlichen Strafen rechnen.“ Auch vom Nordostdeutschen Fußballverband, zu dem Berlin gehört, ist zu erfahren, dass entsprechende Gesten je nach Schwere des Falles durchaus rechtliche Verfahren nach sich ziehen könnten. Allerdings verzeichnete man hier noch keine Vorkommnisse.

          Signale auf der Tribüne: Türkische Fans salutieren in Paris, wie die Spieler.
          Signale auf der Tribüne: Türkische Fans salutieren in Paris, wie die Spieler. : Bild: dpa

          In welches Spannungsfeld türkische Fußballspieler geraten sind, zeigen die Beispiele der Nationalspieler Kaan Ayhan und Kenan Karaman, die beide als Profis beim Bundesligaklub Fortuna Düsseldorf unter Vertrag stehen. Beim Spiel gegen Albanien salutierten sie noch. Beim zweiten EM-Qualifikationsspiel innerhalb von vier Tagen, dem Spiel gegen Frankreich, schlossen sie sich ihrer salutierenden Nationalmannschaft nicht mehr an.

          Ayhan, der in der 82. Minute per Kopf den Ausgleich gegen den Weltmeister erzielt und damit seinem Land das Tor zur Europameisterschaft im nächsten Jahr weit geöffnet hatte, tippte seinen Klubkameraden kurz an und wandte sich rasch ab, während der Rest der Mannschaft vor den feiernden Fans den rechten Arm zum militärischen Gruß hob. Beim Verlassen des Platzes führte Ayhan noch einen kurzen Disput mit seinem Mitspieler Merih Demiral von Juventus Turin, der zuvor auf Twitter die „Mission der Türkei“ gerechtfertigt hatte.

          Signale auf dem Feld: Türkische Spieler mit militärischem Salut.
          Signale auf dem Feld: Türkische Spieler mit militärischem Salut. : Bild: Reuters

          Nach dem Albanien-Spiel hatte der Düsseldorfer Sportvorstand Lutz Pfannenstiel mit den beiden Spielern gesprochen. Beide hätten ihm versichert, dass es sich lediglich um Solidaritätsbekundungen für Soldaten und ihre Angehörigen gehandelt habe, verbunden mit dem Wunsch, dass sie wieder gesund zu ihren Familien zurückkehren könnten. „Wir sind davon überzeugt, dass ihnen nichts ferner lag, als ein politisches Statement abzugeben“, sagte Pfannenstiel. Die Fortuna distanziere sich „in aller Deutlichkeit von jeglicher vermeintlich politisch motivierter Handlung, die gegen die Werte des Vereins verstößt.“ Die Fortuna will die Ereignisse mit ihren Spielern nach deren Rückkehr aufarbeiten.

          Auch die aus der Türkei stammenden deutschen Nationalspieler Emre Can und Ilkay Gündogan waren in die Kritik geraten, weil sie Bilder von Cenk Tosuns Militärgruß auf Instagram mit Likes bedacht hatten, die sie später wieder zurücknahmen. Beide erklärten später, sie wollten ihre Likes nicht als politisches Statement verstanden wissen.

          Welche Folgen das Verhalten der türkischen Spieler haben wird, muss sich noch weisen. Schon nach dem ersten Fall beim Spiel gegen Albanien hatte die Europäische Fußball-Union Uefa ein Verfahren gegen den türkischen Fußballverband angekündigt. Trotzdem wiederholten viele der Spieler im Stade de France ihre Gesten, so dass die Vorkommnisse dort als Wiederholungstat gewertet werden müssen. Grundsätzlich verbietet das Regelwerk der Uefa jegliche politische Äußerung im Stadion. Die zuständige Kontroll-, Ethik- und Disziplinarkammer der Uefa soll sich laut Informationen der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag mit der Problematik befassen. Ob dann schon mögliche Sanktionen verhängt werden, die von einer Ermahnung über Geldstrafen bis hin zu Punktabzügen und Platzsperren reichen könnten, ist offen. Eine harte Strafe gilt aber als unwahrscheinlich, weil die Uefa den Spielern wohl erst nachweisen müsste, dass sie mit ihrer Geste tatsächlich den Angriff der türkischen Streitkräfte auf Nord-Syrien befürworten wollten. In einer schriftlichen Erklärung vom Dienstag verurteilte Uefa-Präsident Aleksander Ceferin die rassistischen Beleidigungen gegen englische Spieler durch radikale Fans in Sofia. Zu den türkischen Militär-Grüßen äußerte er sich allerdings nicht.

          Der italienische Sportminister Vincenzo Spadafora hat bereits eine drastische Strafe für den türkischen Fußballverband gefordert. Er verlangt, dass die Uefa Istanbul das nächste Champions-League-Finale im Mai 2020 in Istanbul entziehen solle. Das schrieb er in einem Brief an Ceferin mit dem Zusatz, dass man dadurch zeigen könne, dass der Sport ein Instrument des Friedens sei. Ein Vorgang, der die Brisanz des Geschehens noch einmal deutlich macht: Ein Sport, der die organisierte Politik in seine Arena lässt, riskiert, zum Instrument von Politikern gemacht zu werden.

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