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Türkei und die Fußball-EM 2024 : Bewerbung von Erdogans Gnaden

Staatspräsident Erdogan war früher selbst Fußballspieler. Bild: AP

Die Türkei bewirbt sich wie Deutschland um die Austragung der Fußball-Europameisterschaft 2024. Ein Zuschlag käme vor allem einem zugute: Staatspräsident Erdogan.

          Wiederholt hatte sich die Türkei für große Sportereignisse beworben, aber nie kam das Land zum Zug. Zweimal wollte die Türkei schon die Olympischen Spiele ausrichten, dreimal die Fußball-Europameisterschaft. Am Mittwoch gab die Türkei einen weiteren Anlauf bekannt: 2024 will das Land, dessen Staatspräsident dann noch immer Tayyip Erdogan sein könnte, die Fußball-Europameisterschaft austragen. Damit steht die Türkei im Wettbewerb zu Deutschland.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Den türkischen Minister für Sport und Jugend, Akif Çagatay Kiliç, beeindruckt das nicht. Er wurde 1976 in Siegen geboren, wuchs in Deutschland auf und kennt in der türkischen Führung Deutschland besser als jeder andere Politiker. Bei der Bewerbung für die Olympischen Sommerspiele des Jahres 2020 habe die Türkei „sehr viel Erfahrungen“ gesammelt, habe ihre Position „in der internationalen Arena“ gestärkt, sagte er bei der Bekanntgabe der Kandidatur am Mittwoch in Istanbul.

          Erdogan ist der Trumpf der Bewerbung

          Und der Sportminister brachte einen anderen Trumpf ins Spiel: Staatspräsident Erdogan stehe hinter dem Projekt, sagte Kiliç. Mit anderen Worten, Erdogan erwartet, dass seine Leute alles unternehmen, um das Projekt in die Türkei zu holen. Kiliç gehört seit Jahren zum engsten Kreis um Erdogan, 2011 wurde der Arztsohn Abgeordneter von dessen AKP im türkischen Parlament. Seit 2013 soll er als Minister dafür sorgen, dass die Sportinfrastruktur in der Türkei ausgebaut wird. Schließlich war Erdogan selbst ein Fußballspieler, dem fast der Aufstieg in den Profifußball geglückt wäre. Bis zum 2. März will die Türkei die Bewerbung offiziell einreichen, sagte der Vorsitzende des türkischen Fußballverbunds TTF, Yildirim Demirören am Mittwoch. Am Tag danach läuft die Bewerbungsfrist ab. Die Unterlagen werde die Türkei im April 2018 vorlegen. Das Uefa-Exekutivkomitee will seine Entscheidung im September 2018 bekanntgeben.

          Auch der Istanbuler Geschäftsmann Demirören gehört zum Kreis um Präsident Erdogan. Zwar stand er fast ein Jahrzehnt als Vorsitzender dem Verein Besiktas Istanbul vor, während Erdogans Herz für Fenerbahce Istanbul schlägt. Politisch stehen sie sich aber nahe. Erst am Sonntag haben sie sich das letzte Mal getroffen. Nach dem Treffen ließ Demirören über seine Zeitung „Milliyet“ vermelden, dass er im Referendum vom 16. April, in dem die Türken über die Einführung eines umstrittenen Präsidialsystems entscheiden, mit „Ja“ stimmen werde. Demirören hatte die Zeitungen „Milliyet“ und „Vatan“, die einst kritisch über Erdogan geschrieben hatten, vor mehreren Jahren erworben. Denn das Unternehmernetzwerk um Erdogan folgt der Devise „Geben und Nehmen“. Erdogan sorgt für die Vergabe von lukrativen Aufträgen, und die privilegierten Unternehmer danken, indem sie etwa Medien gekauft haben, die in finanzielle Schwierigkeiten gebracht worden sind. Demirören, der seit 2012 an der Spitze des türkischen Fußballverbands, erinnerte in Istanbul daran, dass die Türkei bei der letzten Bewerbung für die EM 2016 ja nur wegen einer fehlenden Stimme gegen Frankreich verloren hatte. Die Türkei hatte mit 6:7 den Kürzeren gezogen.

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          Das soll sich nicht wiederholen. Denn die Jahre 2023 und 2024 sind für Erdogans Türkei wichtig. 2023 feiert die Republik Türkei den 100. Jahrestag ihrer Gründung. Erdogan hatte das Ziel ausgegeben, dass die Türkei bis dahin unter die zehn größten Volkswirtschaften der Welt aufsteigen solle. Daraus wird wegen der selbstverschuldeten innenpolitischen Konflikte wohl nichts. Denn Kapital fließt ab, und das Land, das lange rasant wuchs, steht vor einer Krise. Im Jahr 2024 kann Erdogan, sollte er im Referendum vom 16. April eine Mehrheit bekommen, für eine letzte Amtszeit bis zum Jahr 2029 gewählt werden. So wie die Bekanntgabe der Kandidatur für die EM 2024 Begeisterung erzeugen soll und Teil des Wahlkampfs für das umstrittene Referendum ist, könnte dann die EM 2024 dazu beitragen, Erdogans Stellung an der Spitze der Türkei zu stärken.

          Die Finanzierung des Großprojekts ist unklar

          Unklar bleibt nach der Vorstellung der Kandidatur, wie die Türkei den Neubau und die Modernisierung bestehender Stadien finanzieren will. Denn bei allen Großprojekten muss der türkische Staat bereits eine Finanzierungsgarantie und damit Risiken übernehmen. Sportminister Kiliç behauptete aber, die Türkei sei beim Stadionbau in ganz Europa führend. Weltweit liege nur Amerika vor dem Land am Bosporus. Recht hat er wohl mit seiner Bemerkung, dass die Fortschritte beim Ausbau der Infrastruktur zeigten, welchen Weg die Türkei zurückgelegt habe, und auch seine Spitze traf, dass die Eröffnung des Berliner Hauptstadtflughafens fünf Jahre überfällig sei. Zwischenzeitlich baue die Türkei den größten Flughafen der Welt. Als Ausweis dafür, dass die Türkei auch organisieren können, nannte Kiliç die Ausrichtung des Europäischen Jugend-Olympia-Festivals, das derzeit in der Stadt Erzurum stattfindet. Bosnien-Hercegovina hatte die Ausrichtung kurzfristig an die Türkei abgegeben, die das Projekt in nur zwei statt vier Jahren gestemmt habe, freut sich Kiliç. Und Demirören schloss an: „Als Vorstand und auch als ganzes Land glauben wir, dass wir den Zuschlag für die EM 2024 verdient haben.“

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