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Die Spiele und Corona : Olympia hängt am politischen Kalkül

Die Proteste ebben nicht ab: Demonstration vor dem Olympiastadion in Tokio. Bild: dpa

Japans Ministerpräsident Suga lässt mit einer Bemerkung aufhorchen: „Ich habe die Spiele nie an erste Stelle gestellt.“ Der Schutz der Bevölkerung genieße Priorität.

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          Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Thomas Bach, versteht sich auf die großen Momente und den Sinn fürs Historische. Am olympischen Fackellauf wollte Bach in Hiroshima teilnehmen, in der ersten Stadt, die durch eine Atombombe (am 6. August 1945) zerstört wurde. Doch der Besuch in Japan, der an historischer Stelle so treffend die Friedenssymbolik der olympischen Bewegung unterstrichen hätte, fällt aus und ist verschoben worden. Bachs großer Moment in Hiroshima fällt dem Virus-Notstand zum Opfer, der in den japanischen Metropolen gerade bis Ende Mai verlängert wurde. Ist das ein Menetekel für die Olympischen Spiele, die am 23. Juli in Tokio beginnen sollen?

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          So groß wie noch nie klafft in Japan der Spalt zwischen der öffentlichen Meinung und dem starken Willen der Regierung, die Olympischen Spiele stattfinden zu lassen. In aktuellen Umfragen sagen 50 bis 60 Prozent der befragten Bürger, die Spiele sollten abgesagt werden. Bislang konterkarierten die Veranstalter die Umfrage-Skepsis mit dem Einwand, dass die Stimmung schon ins Positive umschlagen werde, sobald die Spiele erst einmal bevorstünden. Doch mit jeder Woche, in der Japan sich vor Virusvarianten fürchten muss und mit den Schutzimpfungen nicht vorankommt, verliert das nonchalante Argument an Wert. Der olympische Fackellauf, der immer häufiger wie auch in Hiroshima von den öffentlichen Straßen auf abgesperrtes Gelände verlegt wird, verbreitet keine festliche Stimmung.

          Premierminister Yoshihide Suga: „Meine Priorität war immer, das Leben und die Gesundheit der japanischen Bevölkerung zu schützen.“
          Premierminister Yoshihide Suga: „Meine Priorität war immer, das Leben und die Gesundheit der japanischen Bevölkerung zu schützen.“ : Bild: dpa

          Bei Testwettbewerben ohne Zuschauer in den olympischen Sportstätten kämpfen Athleten um den Sieg, während in vollen Krankenhäusern Covid-Patienten mit dem Tod ringen. Begeisterung für die Olympischen Spiele kann in dieser Situation schwerlich aufkommen, auch wenn die Zahl der Covid-Opfer in Japan weit niedriger ist als in westlichen Ländern. Um mit den Olympischen Spielen den Sieg der Menschheit über das Corona Virus zu feiern ist es aus Sicht des gewöhnlichen japanischen Bürgers unter 65 Jahre in diesem Juli und August wohl noch zu früh, weil er bis dahin keine Chance auf eine Schutzimpfung gehabt haben wird.

          Irritierenderweise ist die Frage des Infektionsschutzes immer weniger entscheidend dafür, ob die Olympischen Spiele wie geplant im Sommer über die Bühne gehen oder nicht. Hunderte auch ausländischer Sportler demonstrierten zuletzt bei einem Leichtathletik-Testwettkampf im Olympiastadion und bei einem Wettkampf im Kunstspringen ihr Können, ohne dass es zu einem Ausbruch an Coronainfektionen kam. Mit jedem weiteren Test wächst das Vertrauen der Organisatoren und der Regierung, dass Corona-sichere Spiele möglich sind. Die Weltgesundheitsorganisation lobt die Anti-Corona-Vorkehrungen, noch bevor entschieden ist, ob und wie viele japanische Zuschauer in die Stadien dürfen. Ausländische Besucher sind schon ausgesperrt, was die Ansteckungsrisiken drastisch verringert und die Wahrscheinlichkeit deutlich erhöht, die Olympischen Spiele mitten in Tokio, aber unter einer Blase abzuhalten.

          Zunehmend aber schweben über den Olympischen Spielen in Tokio politische Risiken. Manche Japaner ziehen einen zynischen Vergleich, wonach die Olympischen Spiele dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Japan ähneln: Man steuert auf die Katastrophe zu und niemand kann es mehr stoppen. Das stimmte damals und heute nicht. Japan, oder besser die japanische Regierung, kann die Notbremse ziehen und trotz aller schon laufenden Vorbereitungen vor Ort die Spiele absagen. Dafür ist nicht die Corona-Lage, sondern das politische Kalkül ausschlaggebend.

          Bislang setzt Ministerpräsident Yoshihide Suga darauf, dass erfolgreiche Olympische Spiele in Tokio den regierenden Liberaldemokraten Aufschwung für die Unterhauswahl geben, die spätestens im Oktober ansteht. Je mehr und je länger aber die Bevölkerung das größte Sportfest der Welt nur noch als Bedrohung ansieht, für sich selbst oder für die überlasteten medizinischen Kapazitäten, desto eher könnte es sich für Suga politisch auszahlen, die Jugend der Welt doch noch auszuladen.

          In einer aktuellen Umfrage des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders NHK sank die Zustimmung für den Regierungschef und sein Kabinett schon auf das Rekordtief von nur noch 35 Prozent. Am Montag sagte Suga im Parlament: „Ich habe nie die Olympischen Spiele an erste Stelle gestellt. Meine Priorität war immer, das Leben und die Gesundheit der japanischen Bevölkerung zu schützen.“ Man kann das interpretieren als ersten Schritt, um bei einer Absage der Spiele nicht als der Buhmann dazustehen.

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