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Bachs Agenda 2020 : Olympische Generalüberholung

  • -Aktualisiert am

Quo vadis, Olympia? Spiele im Wandel Bild: AP

Trotz Bachs Agenda ist und bleibt die olympische Handelsware wurmstichig. Denn Russland ist sicher nicht die einzige Nation, die sich um den vom IOC postulierten „Schutz des sauberen Athleten“ wenig schert.

          Wie lange braucht man, um einen beschädigten Ruf wiederherzustellen? Vor fünfzehn Jahren, nach seinem Korruptionsskandal, hat das Internationale Olympische Komitee (IOC) noch härter um eine respektable Rolle in der Weltgesellschaft kämpfen müssen als jetzt. Es folgte der Abschied seines Präsidenten Juan Antonio Samaranch - nach diesem Schnitt legten sich die Wogen. Diesmal weckte keine Skandal-Bombe die Olympier, aber die Fehlentwicklungen sind deutlich zu erkennen: kaum mehr finanzierbare Spiele, soziale Proteste, politische Vereinnahmung, dramatischer Vertrauensverlust in der freien Welt. Für die obszönen Baukosten und die Umweltschäden von Sotschi 2014 war das IOC zwar nur indirekt - allein durch die Vergabe an Sportsfreund Wladimir Putin - verantwortlich. Der Imageschaden ist trotzdem riesig.

          Thomas Bach legt Wert darauf, dass sein umfangreiches Reformpaket nicht erst durch die Erfahrungen mit Sotschi und dem Bewerberschwund für die Winterspiele 2022 entstanden ist. Vieles davon findet sich bereits in seinem Manifest, mit dem er vor einem guten Jahr die Wahl zum IOC-Präsidenten gewonnen hat. Und doch wirkt die „Agenda 2020“ wie eine Antwort auf den jüngsten Vertrauensverlust. Neben den technischen und finanziellen Punkten, die für potentielle Olympiabewerber von Bedeutung sind, gibt es auch Ansätze zur inhaltlichen Klärung. Athleten als das Herz der Spiele, mehr Geld für den Anti-Doping-Kampf, Öffnung für Stimmen von außen, starke Verbindung zu den Vereinten Nationen - damit konkretisiert das IOC alte Beteuerungen. Denn ohne einen ethisch-moralischen Anspruch funktioniert die generalüberholte Olympia-Maschine nicht. Die Gründung eines eigenen Fernsehkanals - die teuerste und gewagteste Neuerung der Agenda - verstärkt sowieso den Eindruck, dass es sich beim IOC nur um einen höchst lukrativen Sportkonzern handelt.

          Die Vollversammlung in Monte Carlo lief so glatt, dass Bach selbst staunte: Ein paar wenige Gegenstimmen erntete er lediglich, als er am Montag die Verschiebung der Kaffeepause vorschlug. Das liegt auch daran, dass per Handzeichen abgestimmt wurde und keiner aus der Reihe tanzen wollte. Und daran, dass der IOC-Präsident keine Revolution ausrief, sondern zusammen mit seinen Arbeitsgruppen am Detail arbeitete und schliff. Von einem Umdenken kann man nicht sprechen. Das wahre Ausmaß der Veränderungen wird erst die Praxis zeigen.

          Doch ein Faktum stört den Applaus für den unermüdlichen Präsidenten: Die olympische Handelsware ist und bleibt wurmstichig. An der Spitze ist der Leistungssport ein Verdrängungswettbewerb, bei dem es auch darum geht, Regeln auszutesten und unbemerkt zu brechen. Dass in Russland systematisch gedopt wird, ist keine überraschende Neuigkeit. Und Russland ist sicher nicht die einzige Nation, die sich um den vom IOC postulierten „Schutz des sauberen Athleten“ wenig schert. Auch vor diesem Hintergrund können sich die Kritiker von Bachs Reformkomplex bis auf weiteres auf eine alte Weisheit berufen: Papier ist geduldig.

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