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Abrechnung von Kimia Alisadeh : „Eine von Millionen unterdrückten Frauen in Iran“

Anklägerin: Die Weltklasse-Taekwondoka Kimia Alisadeh hat ihr Land aus Protest gegen die Politik verlassen. Bild: Reuters

2016 gewann Kimia Alisadeh als erste Iranerin eine Medaille bei Olympia. Nun verlässt die Weltklasse-Sportlerin ihr Land aus Protest – und führt die Mächtigen in Iran mit deutlichen Worten vor.

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          Sie hatten Teherans Straßen mit ihr geschmückt, mit ihr und ihrem Erfolg. Als Kimia Alisadeh am 18. August 2016 in Rio de Janeiro als erste Iranerin eine Medaille bei Olympischen Spielen erkämpfte, Bronze in der Gewichtsklasse bis 57 Kilogramm der Taekwondoka, da gratulierte die iranische Regierung mit Botschaften von Fußgängerbrücken über die Straßen der Hauptstadt. Damit die Teheraner und das ganze Land sehen, dass Iranerinnen Siegerinnen sind auf der größten Bühne, die der Sport zu bieten hat – unter Einhaltung der Gesetze, die sich die Islamische Republik Iran zu eigen gemacht hat. Es ist erst dreieinhalb Jahre her, aber es waren andere Zeiten. Der pragmatische Präsident der Islamischen Republik, Hassan Rohani, konnte Kimia Alisadehs Erfolg als Ausweis der Fortschrittlichkeit des Landes darstellen, in der unentwegten Auseinandersetzung mit Klerikern und anderen Hardlinern, die von kämpfenden, schwitzenden, jubelnden Frauen auch nicht mehr halten, wenn sie ein Kopftuch tragen.

          Derzeit aber sehen sich viele Iraner von den Mächtigen verlassen und hinters Licht geführt, nicht nur wegen der Lügen nach dem Abschuss des ukrainischen Flugzeugs nahe Teheran. Und just jetzt führt Kimia Alisadeh sie alle vor: die Regierung, die Verantwortlichen im iranischen Sport, die Hardliner – sie und ihre Rückständigkeit. Die bekannteste Sportlerin im Land, die 2017 Zweite der Weltmeisterschaft in Minsk wurde, hat genug von den Gesetzen der Islamischen Republik. Sie ist emigriert, in die Niederlande. Am Sonntag legte sie mit ihrem Verlobten im Gedenken an die Opfer des Fluges PS752 Blumen an der Universität in Eindhoven nieder. Zuvor hat sie ausführlich auf Instagram begründet, warum sie sich nicht mehr in der Lage sieht, in Iran zu trainieren und zu leben. Vor allem aber hat sie deutlich gemacht, dass sie sich in diesem System nicht länger benutzen lassen möchte.

          „Hallo, unterdrücktes iranisches Volk, auf Wiedersehen, edles iranisches Volk“, schreibt Kimia Alisadeh neben ein Schwarzweiß-Bild, das sie bei Olympia in Rio de Janeiro mit Händen vor Augen und der iranischen Flagge auf dem Rücken zeigt, und fragt: „Wie gut kennt ihr mich? (...) Lasst mich nun frei meine zensierte Identität offenbaren. (...) Ich, Kimia Alisadeh, schreibe weder Geschichte, noch bin ich Heldin, noch Flaggenträgerin Irans. Ich bin eine von Millionen unterdrückten Frauen in Iran (...). Sie haben mich hingebracht, wo sie wollten. Ich habe getragen, was sie mir sagten. Jeden Satz, den sie bestellten, sagte ich. Wenn es ihnen passte, nahmen sie mich in Beschlag. Sie haben die Medaillen auf den obligatorischen Schleier gelegt und behauptet, ihr Management und ihre Dezenz seien ausschlaggebend gewesen. Ich war ihnen egal. Sie sind uns allen egal – wir sind ihre Werkzeuge. Es geht ihnen um die Medaillen, mit denen sich politischer Einfluss kaufen lässt, zu einem Preis, den sie selbst setzen. Und zugleich demütigen sie uns, sagen sie: Es schickt sich nicht für eine Frau, ihre Beine zu strecken. (...) Mein unruhiger Geist passt nicht zu euren schmutzigen wirtschaftlichen Kanälen, eure engen politischen Zirkel. Ich wünsche mir nicht mehr als Taekwondo, Sicherheit und ein gesundes und glückliches Leben. Liebes iranisches Volk, ich will nicht die Stufen der Korruption und Lügen hinaufsteigen (...). Diese Entscheidung fiel mir schwerer als ein Kampf um Olympisches Gold, aber ich bleibe ein Kind Irans, wo auch immer ich mich aufhalte.“

          Nach Judoka Saeid Mollaei, der im Herbst emigriert war, nachdem er bei der WM unter Druck gesetzt wurde, weil er nicht gegen den Israeli Sagi Muki antreten sollte, woraufhin der iranische Judo-Verband suspendiert wurde, ist Kimia Alisadeh die zweite Weltklassesportlerin, die mit dem iranischen Sport und seinen politischen Dogmen gebrochen hat. 2016, in den Minuten nach der Siegerehrung von Rio de Janeiro, ließ sie sich mit den anwesenden Journalistinnen auf Selfies fotografieren. „Diese Medaille ist für alle iranischen Mädchen“, sagte Kimia Alisadeh damals, „ich möchte sie ihnen widmen. Und ich hoffe, dass mir viele Mädchen folgen werden.“ Es dürfte keine der Aussagen gewesen sein, von denen sie nun, dreieinhalb Jahre später, sagt, dass sie ihr in den Mund gelegt wurden. Dass sie für sich derzeit keine Zukunft als Sportlerin und Bürgerin der Islamischen Republik sieht, spricht daher eine noch deutlichere Sprache. 

          Mit der Einschätzung der Lage steht sie nicht allein. Am Montag sagte Schohreh Bajat, Schiedsrichterin bei der laufenden Schach-WM der Frauen, dem ARD-Hörfunk, sie werde nicht nach Iran zurückzukehren. Der iranische Schach-Verband habe sie aufgefordert, sich für die laxe Art und Weise, in der sie ihr Kopftuch beim WM-Kampf getragen habe, zu entschuldigen und einen besonders züchtigen Hedschab anzulegen. Daraufhin habe sie gar kein Kopftuch mehr getragen und den Verband aufgefordert, ihre Sicherheit nach der Rückkehr nach Iran zu garantieren. Sie habe keine Antwort erhalten. Der Internationale Schachverband Fide sicherte der Schiedsrichterin Unterstützung zu. Schoreh Bayat, die in der Vergangenheit als Generalsekretärin des iranischen Schachverbandes die einzige Frau in einer solchen Rolle in einem iranischen Sportverband war, ist die einzige Schiedsrichterin der höchsten Fide-Kategorie in Asien.

          Anm. d. Red.: Eine erste Übersetzung des Instagram-Posts wurde mittlerweile verbessert.

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