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Russland-Kommentar : Die Verschrottung schreitet fort

Bild: AFP

Schon im Sommer war vielen klar, dass ein Ausschluss Russlands von den Spielen in Rio angemessen gewesen wäre. Nun, da wir mehr Details kennen, gilt erst recht: Das Land braucht dringend eine olympische Denkpause.

          Der kanadische Jurist Richard McLaren ist ein sorgfältiger Ermittler. Aber in einem Punkt hat er nicht recht: Das russische Staats-Doping mag perfide gewesen sein, zynisch, primitiv und unolympisch. Aber beispiellos war das Ausmaß der Angriffe auf die Olympischen Spiele von London 2012 und Sotschi 2014 nicht. Das kalte und skrupellose DDR-System, das den Leistungssport pervertierte und Kinder zu Krüppeln machte, war noch viel schrecklicher. Aber auch die systematische Doping-Vertuschung bei 1000 Sportlern, der planvolle Betrug, die ausgeklügelten Reaktionen auf die Fortschritte des Anti-Doping-Kampfs, verlangen dringend nach Konsequenzen. Mit solchen Machenschaften, die nicht nur übel sind, sondern auch erbärmlich, darf kein Staat durchkommen.

          Schon im vergangenen Sommer war vielen klar, dass ein Ausschluss der gesamten russischen Mannschaft von den Olympischen Spielen in Rio die angemessene Reaktion gewesen wäre. Nun, da wir mehr Details kennen und von dem Ausmaß des Betrugs noch einmal überrascht wurden, stehen die Winterspiele 2018 in Pyeongchang bevor, und es gilt erst recht: Russland braucht dringend eine olympische Denkpause und Zeit zur Erneuerung.

          Das Internationale Olympische Komitee (IOC) wird reagieren müssen, die Weltverbände auch. Die Frage ist, welche Folgen die Enthüllungen tatsächlich haben werden. IOC-Präsident Thomas Bach schreckte bisher vor einer Kollektivstrafe zurück und dürfte das weiter tun. Und die russische Vernetzung in der internationalen Sportpolitik und damit der Einfluss des Landes auf die Weltverbände ist weit fortgeschritten. Schon am Vortag der Veröffentlichung des zweiten McLaren-Berichts tat IOC-Präsident Bach seine „Privatmeinung“ kund, dass er keinen der Involvierten, ob Athleten, Trainer oder Funktionär, jemals wieder bei Olympischen Spielen sehen möchte. Lebenslang sollten sie gesperrt werden. Aus diesen nach unnachgiebiger Härte klingenden Worten könnte man aber auch ableiten, dass Bach genau wie in Rio die Prüfung der Einzelfälle durch die Fachverbände favorisiert. Nun, da 695 Athleten-Namen an die Verbände weitergegeben wurden, werden sich aber nicht mehr so viele aus der Verantwortung heraus lügen können wie noch in Rio, wo am Ende 270 russische Athleten starteten.

          Es ist abzusehen, dass die Ergebnislisten von Sotschi 2014 - wie auch anderer betroffener Wettkämpfe – auf der Grundlage des McLaren-Reports dramatisch revidiert werden müssen. Den ersten Rang in der Medaillenwertung könnte Russland damit verlieren, die rückwirkende Verschrottung der Olympia-Historie nimmt ohnehin seit den vielen positiven Nach-Tests ihren Lauf. Es ist auch zu erwarten, dass viele russische Spitzen-Athleten, die sich auf Pyeongchang 2018 vorbereiten, dort nicht starten können wegen ihrer Verwicklung in das staatliche Doping-Programm. Russland wird wiederum empört darauf hinweisen, dass in aller Welt gedopt wird. Schon hart, zu erkennen, dass offensichtlich andere Sportnationen auch das besser können – und sauberer dastehen, als sie sind.

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