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Sylvia Schenk : IOC-Offensive gegen Athleten

  • -Aktualisiert am

Sylvia Schenk Bild: dpa

Die Offensive für politische Neutralität und Einhaltung von Regeln richtet sich gegen Athleten, die aktiv für die Achtung fundamentaler olympischer Werte streiten wollen. Das IOC sollte erstmal sein eigenes Dilemma problematisieren und schnell klären.

          3 Min.

          Altersmäßig trennen uns nur eineinhalb Jahre, olympisch bin ich dagegen vier Jahre früher dran – und damit trennen uns Welten. Wenn Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), in einem Essay („Welt“ vom 24. Oktober) schreibt, wie der „olympische Geist“ in ihm beim Einzug ins Olympische Dorf in Montreal 1976 „erwachte und ihm die Augen für die einende Kraft des Sports öffnete“, dann steht mir mein Auszug aus dem Olympischen Dorf am Ende der Sommerspiele München 1972 vor Augen: traumatisiert durch die Ermordung von elf israelischen Olympiateilnehmern und eines deutschen Polizeibeamten. Die Verletzlichkeit der Spiele, sträflich unterschätzt von den deutschen Behörden, war brutal aufgezeigt worden. Der olympische Geist vereinte uns in Trauer.

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          Seitdem weiß ich: Olympia muss wehrhaft sein, wenn es seine Mission erfüllen will, und darf sich nicht missbrauchen lassen.

          Für Bach können die olympischen Wettkämpfe „ein Vorbild sein für eine Welt, in der sich jeder an die gleichen Regeln hält“. Doch Korruptions- und Missbrauchsskandale sowie systematisches Doping, orchestriert von Funktionären in etlichen Sportverbänden und Ländern, unterminieren diesen Anspruch.

          Die Regeln der Sportarten mögen für alle gleich sein, aber welche Regeln gelten jenseits des reinen Wettkampfgeschehens, vor allem: Wem nutzen und wem schaden sie?

          Bach postuliert: „Bei den Olympischen Spielen geht es nicht um Politik.“ Aber die von Bach beschworene politische Neutralität darf nicht zur Selbstkastration führen. Die Berufung darauf, dass „weder die Vergabe der Spiele noch die Teilnahme daran (...) ein politisches Urteil über das Gastgeberland“ darstellen, öffnet der Vereinnahmung Tür und Tor.

          Denn auch Schweigen kann eine eminent politische Stellungnahme sein, siehe die Olympischen Spiele in Berlin 1936. Gute IOC-Miene zu den bösen Nazi-Spielen, da geriet sogar der Sieg des Afroamerikaners Jesse Owens im 100-Meter-Endlauf der Männer zu einer – ungeplanten – politischen Demonstration. 32 Jahre später, 1968 in Mexiko-Stadt, protestierten Tommie Smith und John Carlos, Erster und Dritter im Finale über 200 Meter, bei der Siegerehrung mit einer Faust im schwarzen Handschuh gegen den auch ihnen geltenden Rassismus in ihrer amerikanischen Heimat.

          Das war gegen die Regeln, und, wie IOC-Berater Michael Vesper in der F.A.Z. lapidar feststellt, sie „sind dafür auch bestraft worden“. Kein Wort dazu, dass die Aktion und deren Bestrafung fünfzig Jahre später längst ganz anders bewertet werden.

          Die aktuelle Offensive des IOC für politische Neutralität und die Einhaltung von Regeln richtet sich gegen Athletinnen und Athleten, die aktiv für die Achtung fundamentaler olympischer Werte streiten wollen. Dabei geht es um die Regel 50 Absatz 2 der Olympischen Charta: „Keine Art von Demonstration oder politischer, religiöser oder rassistischer Propaganda ist an olympischen Stätten, Austragungsorten oder in anderen Bereichen erlaubt.“

          Natürlich kann man Horrorszenarien an die Wand malen: eine Siegerehrung, wo die Siegerin für liberale Abtreibungsregeln demonstriert, die Zweite das verschärfte polnische Recht verteidigt und die Dritte ein Embryofoto hochhält – wer will das schon?

          Entscheidend ist doch die Grenzziehung: Was heißt „Demonstration“ oder „Propaganda“? Ist aktiver Einsatz für die olympischen Werte eine persönliche Meinungsäußerung? Braucht es angesichts des Zustandes der Welt nicht gerade jetzt diesen Einsatz, um dem olympischen Geist Geltung zu verschaffen?

          Das Dilemma zwischen einer Geste gegen Rassismus und der Würde einer Siegerehrung lässt sich nicht durch Verweis auf das Verbot „rassistischer Propaganda“ lösen. Wie es gehen könnte, zeigt die Forderung von Athleten Deutschland e.V., den „Einsatz für freiheitlich-demokratische Grundwerte oder die Verwirklichung von Menschen- und Grundrechten“ – was letztlich heißt: für die olympischen Werte – durch „dezidierte Regeln und klare Absprachen zu ermöglichen“. Doch darauf hat das IOC bislang nicht reagiert.

          Der Welt-Fußball-Verband Fifa ist weit flexibler: Beim Fifa-World-Cup 2018 in Russland ordnete er den Protest von Frauen gegen das Stadionverbot für Zuschauerinnen in Iran als „soziales Anliegen“ ein. Damit waren die Banner legitimiert. Auch auf die Black-Lives-Matter-Bewegung reagierte der Fußball pragmatisch: Zwar verstoße die Nutzung des Spielfelds für „sportfremde Kundgebungen“ gegen die Grundsätze des Fußballs, aber Antidiskriminierung und Antirassismus sind wesentliche Grundsätze des Fußballs, weshalb von Strafen abzusehen sei, wenn Fußballer sich hinknien.

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          Das IOC sollte erst einmal sein eigenes Dilemma problematisieren und möglichst schnell klären: Der belarussische Diktator Lukaschenka, der – was auch das IOC nicht bestreiten kann – massiv Repression gegen die eigene Bevölkerung einschließlich Athletinnen und Athleten betreibt, ist zugleich Präsident des Nationalen Olympischen Komitees. Politische Neutralität wird zur Farce, solange Politik und olympischer Sport derart miteinander verflochten sind, das IOC aber streng zwischen der Rolle als Regierungschef und der als NOK-Präsident unterscheidet. Kann man das Schweigen des NOK in Belarus zur Repression auch gegen Athletinnen und Athleten ernsthaft als politische Neutralität werten und damit gutheißen?

          Für ein wehrhaftes Olympia ist es höchste Zeit, gemeinsam mit Athletinnen und Athleten einen Weg zu finden, wie Tokio 2020 (Sommerspiele) und – für das IOC wohl noch brisanter – Peking 2022 (Winterspiele) das Bekenntnis zu den olympischen Werten mit politischer Neutralität überzeugend verbinden können.

          Laut Thomas Bach lohnt es sich, „Tag für Tag dafür zu kämpfen, dass die Olympischen Spiele diese Magie entfalten und die ganze Welt in Frieden vereinen können“.

          Dieser Kampf verlangt, für die olympischen Werte offensiv einzustehen – und wenn nötig auch zu knien.

          Die Autorin ist Juristin, arbeitet seit Jahrzehnten ehrenamtlich im Sport und leitet die Arbeitsgruppe Sport von Transparency International Deutschland.

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