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DOSB-Kommentar : Hörmanns Stunde der Wahrheit

DOSB-Präsident Alfons Hörmann zerschlägt Porzellan wie ein Berserker. Bild: dpa

Jeder gegen jeden: Vier Wochen vor Rio kämpfen Sport und Staat um die Macht. Das erste Opfer scheint der Mann an der Spitze des DOSB zu werden.

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          Heulen und Zähneknirschen war erwartet worden von der Reform des Spitzensports. Das sollte der Preis sein für Erfolge und Medaillen. Hauen und Stechen ist daraus geworden. Erfolglose Verbände und ihre heillose Organisation sollten wegrationalisiert werden zugunsten der Sieger. Als Lohn sollten Glanz und Gloria für den straff organisierten Sport an der Spitze der Medaillenwertung winken.

          Geschrei und Gezeter ist daraus geworden – und womöglich ein großes Scheitern. Eine Woche bevor der Initiator der Reform, Innenminister Thomas de Maizière, den großen Wurf in Empfang nehmen sollte, hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung E-Mails veröffentlicht, in denen sich die starken Männern des deutschen Sports gegenseitig Unaufrichtigkeit, Illoyalität und Täuschung vorwerfen. Womöglich haben sie viel mehr gar nicht zu liefern. Das erste Opfer jedenfalls scheint der Mann an der Spitze zu werden: Alfons Hörmann, seit bald drei Jahren Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB).

          Eine Gruppe von Fachverbandspräsidenten hatte sich diskret an denjenigen gewandt, der zahlt und deshalb das Sagen hat: an den Sportchef im Innenministerium. Schließlich geht es um fünfzig von mehr als zweihundert Bundesstützpunkten; sie könnten geschlossen werden. Hörmann erfuhr von der Verabredung. Bevor er beim Minister intervenierte, schlugen er und Vorstandsvorsitzender Michael Vesper den vermeintlichen Verschwörern raffiniert Verabredungen just zur Stunde des Geheimtreffens vor – und bekamen Vorwände und Ausreden zu hören.

          Die Unaufrichtigkeit mag Hörmann zu Recht beklagen. Doch sie dürfte auch Verunsicherung und Konfusion geschuldet sein. Statt zu klären und zu erklären, statt sich wie der Aufsichtsrat zu verhalten, der er qua Amt ist, will Hörmann eine Machtprobe. Es sei zu entscheiden, schreibt er, wer in welcher Rolle künftig Verantwortung tragen soll. Da er nicht über das Schicksal von Verbandspräsidenten bestimmt, spricht er offenbar von sich selbst. De Maizière will er mitteilen, dass der Sport über eine „nur noch bedingt stabile Aufstellung“ verfüge. Darin klingt an: Für die Reform, welche die Forderung des Ministers nach mindestens einem Drittel mehr Medaillen erfüllen soll, könnte sich der DOSB als zu schwach erweisen.

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          Damit stellt sich in der Tat, vier Wochen vor den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro, die Frage nach Vertrauen und Verantwortung. Hörmann ist durch die arbeitsrechtliche Auseinandersetzung mit seinem Arbeitgeber angeschlagen. Das Verhältnis zwischen DOSB und Ministerium ist auf Arbeitsebene zerrüttet, namentlich zwischen dem Vorstandsvorsitzenden Vesper und Abteilungsleiter Böhm. Statt um Inhalte kämpfen Sport und Staat um Macht.

          Und nun verliert Hörmann die Contenance. Er beschuldigt den Sprecher der Fachverbände, Ruder-Präsident Kaidel, eine Opposition gegen die Reform und damit gegen ihn persönlich anzuführen. Wenn man den rüden Ton Hörmanns als bayerische Eigenheit durchgehen lassen wollte, müsste man auch das heimliche Treffen als Folklore der Verbandspolitik betrachten können. Doch für Hörmann ist dies keine Kleinigkeit. Er zerschlägt Porzellan wie ein Berserker. Die Neuordnung der Verantwortlichkeit, wie er sie fordert, könnte der Anfang vom Ende seiner Amtszeit sein.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

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