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Hans-Peter Friedrich im Gespräch : „Den Straftatbestand Sportbetrug halte ich für sinnvoll“

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„Wir wollen Medaillen und sind sicher, dass Vielfalt eine Voraussetzung dafür ist“: Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich Bild: dpa

Hans-Peter Friedrich lehnt Forderungen der Verbände nach mehr Geld ab. Im F.A.Z.-Interview befürwortet der Innenminister zudem eine abermalige Bewerbung Münchens als Olympiastadt und prüft Hilfen für Geschädigte des DDR-Sports.

          Eine Strategiegruppe des deutschen Sports will die Verantwortung des Bundes für den Spitzensport nicht wie bisher im Bundesinnenministerium, sondern im Kanzleramt ansiedeln. Das klingt nach einer Amtsenthebung . . .

          Manche Leute halten sich offenbar für so bedeutend, dass sie nur mit der Kanzlerin sprechen wollen. Aber im Ernst: Der Sport ist im Innenministerium genau richtig. Der Innenminister ist ja nicht nur für die öffentliche Sicherheit, sondern auch den Zusammenhalt der Gesellschaft in Deutschland zuständig. Und der positive Einfluss des Sports auf die Gesellschaft ist immens - überlegen Sie nur, was er zum Beispiel im Bereich Integration bewirkt. Es ist deshalb eine kluge und weise Entscheidung, dass der Innenminister der Sportminister ist.

          Es gibt acht Ministerien, die den Sport unterstützen. Wäre es nicht an der Zeit, das mal alles zu bündeln?

          Es gibt bereits eine Stelle, wo die Fäden zusammenlaufen: die Sportabteilung in meinem Haus. Die anderen Ministerien helfen uns, unseren Auftrag zu erfüllen. Natürlich bin ich dem Verteidigungsministerium dankbar, dass es so viele Sportsoldaten-Stellen zur Verfügung stellt. Aber man darf sich da nichts vormachen: Eine Verlagerung von Kompetenzen würde nicht dazu führen, dass es mehr Geld gibt.

          Alles in allem, so sagen Sie, gibt der Bund 250 Millionen Euro pro Jahr für den Spitzensport. Der Deutsche Olympische Sportbund behauptet, er brauche mehr, um das Niveau halten zu können.

          Ach, in fast allen Bereichen kommen die Leute auf uns zu und fordern mit guten Gründen mehr Geld. Aber der Finanzminister erklärt mir mit mindestens ebenso guten Gründen, dass er nicht mehr Geld hat. Wir müssen mit dem, was wir haben, effizient wirtschaften. Das betrifft alle, auch den Sport und die Verbände.

          Die Sportverbände arbeiten nicht effizient?

          Es gibt immer Möglichkeiten, noch besser zu werden und selbstkritisch zu sein. Nehmen Sie die Olympischen Spiele in London: In Deutschland gibt es drei- bis viermal so viele Kaderathleten wie in England, trotzdem haben die Engländer 29 Goldmedaillen gewonnen und wir nur elf. Das kann man doch nicht nur mit dem Heimvorteil erklären, oder?

          Gibt es Sportarten, die wichtiger sind als andere?

          Es gibt Staaten, die alle Kraft auf bestimmte Sportarten konzentrieren und den Rest vergessen. Das ist nicht unsere Tradition. Wir sollten stolz darauf sein, dass wir jede Sportart wichtig nehmen und ihr eine Chance geben. Dafür bekommen die Verbände eine Grundförderung. Zusätzlich dazu fördern wir bestimmte Projekte und schauen dabei dann stärker auf die Erfolgsaussichten bei den nächsten Olympischen Spielen. Ich halte das für eine ausgewogene Lösung.

          Der deutsche Spitzensport soll also mit den Steuermitteln, die er gegenwärtig erhält, das Niveau halten?

          Das Niveau hängt nicht nur von der Höhe der Gelder ab, sondern unter anderem davon, wie sie eingesetzt werden.

          Sie plädieren für Vielfalt statt Medaillen?

          Das eine schließt das andere doch nicht aus. Wir wollen Medaillen und sind sicher, dass Vielfalt eine Voraussetzung dafür ist. Ein wunderbares Beispiel: Beim Bobfahren gewinnen ehemalige Leichtathleten Goldmedaillen als Anschieber.

          Im Kampf gegen Wettmanipulation scheinen sich alle einig: Politik, Verbände, Sponsoren, Vereine und Athleten. Bei der Doping-Bekämpfung dagegen halten sich fast alle zurück. Warum?

          Doping und Wettmanipulationen sind Gefahren für den Sport, beide müssen bekämpft werden. Beim Thema Doping ist die Grenze zum Unerlaubten jedoch viel schwieriger zu bestimmen als beim Wettbetrug. Wenn Sie dem Fußballspieler sagen, „Schieß vorbei!“, ist das ein klarer Verstoß gegen den Geist des Sports. Wenn Sie aber leistungssteigernde Mittel nehmen, um endlich beim Halbmarathon unter zwei Stunden zu laufen, betrügen Sie allenfalls sich selbst.

          Wir sprechen aber von Todesfällen in Deutschland, nicht von Placebo-Mitteln.

          Solch extreme Fälle in der Vergangenheit gibt es, und sie dürfen weder beschönigt noch relativiert werden.

          Die Wahrheit ist: Auch heute wird noch massiv gedopt mit teils gefährlichen Mitteln und Methoden.

          Um das zu bekämpfen, haben wir mittlerweile den Welt-Anti-Doping-Code, der in Deutschland von der Nationalen Anti-Doping-Agentur durchgesetzt wird. Seit zehn Jahren führt die Nada umfangreiche Kontrollen durch.

          Nur reicht die Gesetzeslage mit dem nur leicht veränderten Arzneimittelgesetz nicht aus. Das sagen zumindest Staatsanwälte, die an vorderster Front Doping bekämpfen sollen, aber nur Dealer fangen, die mit dem Spitzensport in der Regel nichts zu tun haben. Was sagen Sie?

          Wir müssen das Handwerkszeug der Staatsanwälte verbessern, aber in der Systematik unseres Rechts bleiben. Der saubere sportliche Wettbewerb muss in erster Linie sportrechtlich gesichert werden. In gravierenden Fällen reicht aber das Sportrecht offensichtlich nicht aus.

          Deutscher Fanklub: Hans-Peter Friedrich (rechts) mit Kanzlerin Angela Merkel und DFB-Präsident Wolfgang Niersbach bei der Fußball-EM 2012

          Ihre Parteifreundin Beate Merk, die Justizministerin von Bayern, ist für ein AntiDoping-Gesetz, Baden-Württemberg will den Sportbetrug als Straftat einführen, Niedersachsen ist auch dafür. So etwas fordern ja nicht nur Ahnungslose.

          Solche Forderungen beziehen sich auf den Hochleistungs- und Spitzensport. Wir erleben aber Doping auch schon im Freizeitbereich, wo es nicht ums Gewinnen von Goldmedaillen und Siegprämien geht. Hier geht es nur noch um die Frage, ob sich jemand straflos selbst schädigen darf oder nicht. Ich halte nichts davon, den Freizeitsport strafrechtlichen Kategorien zu unterwerfen.

          Baden-Württemberg konzentriert sich auf den Berufssport.

          Diesen Weg halte ich für durchaus sinnvoll, wenn die Abgrenzungsprobleme zu lösen sind. Es muss sich aber um gravierende Verstöße handeln.

          Aber wenn jemand das Blutdoping-Mittel Epo nimmt oder Wachstumshormon?

          Dafür gibt es ganz klare sportrechtliche Sanktionen. In den Fällen, in denen es nicht nur um Selbstschädigung, sondern um eine Gefährdung der Sauberkeit des Sports geht, müssen wir auch Strafrecht in Betracht ziehen.

          Sind wir nicht so weit? Sie haben davor gewarnt, dass Doping und Wettbetrug die Fundamente des Sports angreifen.

          In einigen Bereichen sind wir sicher soweit. Nehmen Sie nur den Radsport: Da haben einige eine ganze Sportart diskreditiert.

          Die Nationale Anti-Doping-Agentur hat bei achttausend Trainingskontrollen im Jahr 2011 0,05 Prozent positive Fälle herausgefiltert. Man kann das als Ausweis von Sauberkeit nehmen oder aber als Beweis für die Cleverness von Dopern. Wir glauben, dass Tests nicht das einzige Mittel in der Bekämpfung von Doping bleiben können.

          Natürlich ist es wichtig, dass wir bei der Doping-Bekämpfung auch medizinisch mithalten können. Wo wir das nicht können, helfen uns auch strafrechtliche Sanktionen nicht weiter.

          Das eine hat aus unserer Sicht mit dem anderen nichts zu tun. Wir stellen fest, dass die Staatsanwaltschaften vermehrt Dealer überführen. Aber an Spitzensportler kommen sie nicht heran und damit auch nicht an die Hintermänner.

          Die sportrechtlichen Sperren haben bei Berufssportlern eine erhebliche Strafwirkung. Außerdem: Die meisten Athleten haben einen Sponsorenvertrag. Das ist schon jetzt ein Ansatz, um dopende Spitzensportler wegen Betruges zu belangen.

          Bislang hat das noch nicht funktioniert.

          Schauen wir mal, wie der Prozess gegen Radprofi Stefan Schumacher in Stuttgart ausgeht. Wenn es nicht funktioniert, müssen wir uns in der Tat Gedanken machen.

          Spitzensportförderer: Friedrich bei den Olympischen Spielen in London mit den Ruderinnen Britta Oppelt (Mitte) und Annekatrin Thiele

          Wie stehen Sie zur Forderung des Doping-Opfer-Hilfevereins nach einer Rente über die einmalige Entschädigung hinaus für Geschädigte des DDR-Sports?

          Das Problem ist immer die Kausalität: Kann man beweisen, dass die Schäden durch Doping verursacht wurden? Wegen dieser Schwierigkeiten hat die Bundesregierung schon vor über zehn Jahren ein Doping-Opfer-Hilfe-Gesetz in Kraft gesetzt und zwei Millionen Euro als Entschädigung zur Verfügung gestellt. Was Rentenansprüche angeht, prüfen wir gemeinsam mit dem Arbeits- und dem Justizministerium, ob es für die Geschädigten Anspruchsgrundlagen gibt. Wir sind guten Willens, wir möchten den Betroffenen helfen. Es ist wichtig aufzuarbeiten, was damals passiert ist.

          Würden Sie es begrüßen, wenn das Internationale Olympische Komitee Thomas Bach zu seinem Präsidenten wählte?

          Absolut. Als Sportminister der Bundesregierung finde ich es immer gut, wenn jemand aus dem deutschen Sport eine internationale Funktion einnimmt.

          Können Sie ihm helfen, und tun Sie’s?

          Ich versuche mein Bestes.

          Und die Bundesregierung? Bei der Bewerbung um Fußball-WM und Olympia waren die Botschaften involviert.

          Ich bin sicher, dass viele in der Regierung die Kandidatur von Thomas Bach unterstützen und helfen werden, wenn sie einen Weg sehen.

          Soll sich Deutschland mit München nach der Niederlage im Kampf um die Ausrichtung der Winterspiele 2018 um die Winterspiele 2022 bewerben?

          Das Konzept für 2018 war super. Mit einigen wenigen Änderungen könnten wir damit sofort wieder antreten. Aber wir müssen die Bürger einbeziehen; wenn sie einverstanden sind, entscheidet der Sport über eine erneute Bewerbung.

          Und was wünschen Sie sich?

          Je früher wir den Zuschlag für Olympische Spiele bekommen, umso besser für den Spitzensport in Deutschland, umso besser für den Breitensport. Und umso besser für Deutschland überhaupt. Wir sind seit jeher eine Wintersport-Nation, eine von wenigen auf der Welt. Die letzten Winterspiele in Deutschland hatten wir im Jahr 1936. Wenn wir den Zuschlag für 2022 nicht bekommen, hätte die Wintersportnation Deutschland 90 Jahre lang keine Winterspiele im eigenen Land, 90 Jahre! Es wird also höchste Zeit.

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