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Stasi-Akten-Funde : Beilschmidts Doppelkarriere

  • -Aktualisiert am

Deckname „Paul Grün“: Rolf Beilschmidt Bild: Picture-Alliance

Rolf Beilschmidt ist ein Mann mit Vergangenheit: Neue Stasi-Akten-Funde belasten den Geschäftsführer des LSB Thüringen. Seine „Doppelkarriere als Lump“ gilt es aufzuarbeiten.

          Rolf Beilschmidt, höchster Sportfunktionär in Thüringen, seit 2001 Hauptgeschäftsführer des Landessportbundes (LSB) Thüringen, ist schon seit vielen Jahren umstritten. Nach dem Mauerfall verhandelte der SED-Kader Beilschmidt als frisch gewählter Vizepräsident des DDR-Sportbundes mit den Vertretern des Deutschen Sportbundes über die Neugestaltung des Spitzensports in Ostdeutschland. Bevor der heute 61-Jährige den Landessportbund übernahm, war er viele Jahre Chef des Olympiastützpunktes in Erfurt. Jetzt belasten neue Aktenfunde in der Stasi-Unterlagen-Behörde den Sportfunktionär schwer, wie der „Spiegel“ in seiner aktuellen Ausgabe berichtet. Laut Aktenlage hat Beilschmidt in der DDR weitaus länger als Zuträger für die Stasi gewirkt, als bisher bekannt war.

          Rolf Beilschmidt gehörte als Mitglied des Doping-verseuchten DDR-Leistungssport-Clubs SC Motor Jena Ende der siebziger Jahre zu den besten Hochspringern der Welt. Er galt als willfähriger SED-Kader, was ihm dazu verhalf, 1984 erst zum Vize-Chef und 1989 zum Chef des SC Motor aufzusteigen.

          Bereits als Sportler hatte sich Beilschmidt 1976 als Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi verpflichtet: Deckname „Paul Grün“. Doch 1981 verzichtete der DDR-Geheimdienst „wegen Unzuverlässigkeit“ zunächst auf seine Mitarbeit. Das wurde in den neunziger Jahren bekannt. Die damalige Akte war allerdings unvollständig, so dass Beilschmidt bisher alle Stasi-Überprüfungen im deutschen Sport ohne Konsequenzen überstand. Er stieg nach dem Mauerfall zum einflussreichsten Sportfunktionär in Thüringen auf.

          Doch nun belegen die aufgetauchten Stasi-Dokumente, dass Beilschmidt nach einer Auszeit und nach dem Ende seiner Athletenkarriere auch in den achtziger Jahren bis in das Mauerfalljahr 1989 hinein ein williger Informant war. So informierte er 1983 die Stasi, dass die Frau eines Schulfreundes die Besuchserlaubnis in der BRD überschritten hatte. Beilschmidt räumt ein, mit einem Stasi-Offizier damals über den Fall gesprochen zu haben. Auch das Intimleben von Klubkollegen ließ er dabei laut Akten nicht aus: Die Stasi notierte, dass eine Kollegin laut seinen Aussagen „wieder auf der Suche nach einem Mann ist. Zudem besitzt sie ein übersteigertes Konsumdenken. Weiterhin hat sie eine größere Anzahl von Gegenständen in ihrer Wohnung, welche nicht mit der Währung der DDR käuflich sind.“

          „Doppelkarriere als Lump“

          Für DDR-Bürger konnten solch denunziatorische Informationen schlimmstenfalls sehr schädlich sein. Beilschmidt sagte dem „Spiegel“ aktuell dazu, an solche Berichte könne er sich nicht erinnern. In den vergangenen knapp 25 Jahren haben in den neuen Bundesländern viele frühere Stasi-Zuträger mit vergleichbarer Aktenlage ihren Job verloren. Die ehemalige Weltklasse-Sprinterin vom SC Motor Jena und heutige Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfe-Vereins, Ines Geipel, kritisiert: „Rolf Beilschmidt war Profiteur zu DDR-Zeiten, aber viel mehr noch im vereinten Deutschland. Er hat bis ins Intimste hinein geschnüffelt und ist heute völlig ohne Kratzer LSB-Chef in Thüringen. Seine Doppelkarriere als Lump zeigt, was an Verdrängung in Sport und Politik möglich ist.“

          Ines Geipel war früher in Jena eine Klubkameradin von Beilschmidt und wurde einst auch von ihm bespitzelt. Die aufgetauchten Stasi-Akten zu Beilschmidt sind auch in anderer Hinsicht brisant. Er ist ein guter Freund von Roland Jahn, dem Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen. Jahn hatte jüngst in seinem Buch „Wir Angepassten“ um Verständnis für das Verhalten Beilschmidts geworben, obwohl er von den Aktenfunden wusste, die Beilschmidt jetzt belasten. Nun fordert er einen „differenzierten Blick“ auf die Stasi-Mitarbeiter. Beilschmidt sei zwar eine „Stütze des Systems“ gewesen. Aber Beilschmidt habe Jahn 1976 wiederum auch vor der Stasi gewarnt. Allerdings berichtete Beilschmidt später der Stasi mehrmals private Details über seinen Freund Jahn. „Als Chef der Stasi-Unterlagen-Behörde wäre es doch völlig okay, er würde sagen: ,Ich bin befangen, das müssen Historiker beurteilen.‘ Aber hier an der Stelle entschuldet er die Täter, und das ist natürlich schwer hinzunehmen“, sagt Ines Geipel.

          Dabei geht es ihr nicht nur allein um Beilschmidts Verhalten zu DDR-Zeiten, sondern auch darum, wie er später die brutale Seite des Stasi- und Doping-Sports der DDR jahrelang verharmloste und Opfer mehrmals verhöhnte. Im Jahr 2005 versuchte Beilschmidt zudem gemeinsam mit dem LSB-Präsidenten und SED-Altkader Peter Gösel, das Mitglied der sogenannten „unabhängigen Stasi-Kommission des Thüringer Sports“, den couragierten Hochschulsportlehrer Henner Misersky, zu attackieren und einzuschüchtern, woraufhin Misersky zurücktrat. Zudem protegierte Beilschmidt in den vergangenen Jahren etliche Stasi- und Doping-belastete Personen innerhalb der Strukturen des von ihm verantworteten Thüringer Sports. Die Politik in Thüringen schert sich um die Vergangenheit der Sportfunktionäre offenbar wenig. Zum 60. Geburtstag Beilschmidts und zum 70. Wiegenfest Gösels im August 2013 lobte Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) die beiden Spitzenfunktionäre in den höchsten Tönen. Ines Geipel dagegen hält Beilschmidt „für die denkbar ungeeignetste Person, einen neuen, unbelasteten Sport in Thüringen aufzubauen“.

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