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Flüchtlinge in Sportvereinen : Flucht und Segen

Nähe durch Sport - Spieler vom SC Bomani Berlin und Flüchtlinge aus Eritrea bei einem integrativen Fußballturnier in der Hauptstadt. Bild: Imago

Sportvereine leisten Vorbildliches in der Flüchtlingsarbeit, der DOSB verfügt über jede Menge Knowhow. Noch viel mehr wäre möglich, doch es fehlt an Geld. Insgesamt können nur 60 von 90.000 Vereinen gefördert werden – ein Armutszeugnis.

          Seine Maxime: „Es ist schön, dass wir Weltmeister haben, aber Sport hat eine viel größere Bedeutung als die Produktion von Spitzensportlern.“ Die gesellschaftliche Kraft des Sports, davon ist der ehemalige Spitzensportler Ernes Erko Kalac überzeugt, kommt aus dem Breitensport. Die ehrenamtliche Arbeit in den Vereinen hält er für außerordentlich bedeutend, gerade was das große Thema dieser Tage betrifft: die Integration von Flüchtlingen. Kalac, 51, viele Jahre Integrationsbotschafter beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) und seit fünf Jahren deutscher Staatsbürger, weiß, wovon er spricht.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Er ist in Montenegro aufgewachsen, war Mitglied der Karate-Nationalmannschaft. Anfang der neunziger Jahre flüchtete er zunächst in die Türkei, dann über Österreich nach Deutschland, wo er seit 1998 lebt. Mit zwei Mark in der Tasche und null Deutschkenntnissen baute er sich ein neues Leben auf. Kalac fing für 640 Mark Monatsgehalt bei einer Putzkolonne an, dann bekam er in einem Fitnesszentrum einen Job als Kickbox-Trainer. „Ich habe den Kindern Sport beigebracht und sie mir Deutsch“, sagt er.

          Trainer Kalac mit Kindern im Verein Lotus Eppertshausen.

          In Köln studierte er Diplomsport, arbeitete als Sportlehrer an einem Gymnasium und gründete 2002 in Eppertshausen in der hessischen Provinz den Verein Lotus Eppertshausen. Im Angebot: Kickboxen, Karate und Taekwondo. Konstant 400 Mitglieder hat der Klub seit Jahren, ein Drittel sind Migranten, 80 Prozent sind unter 20 Jahren, der Verein ist vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem „Goldenen Stern des Sports“, den Bundespräsident Gauck gern persönlich überreicht.

          Lotus ist ein vorbildhafter Verein weit über die Region hinaus. Ein Verein, der kein Aufhebens macht um Herkunftsländer, Religion oder Hautfarbe. Als sich dreißig Muslime von der Flüchtlingshilfe Rödermark zum Training anmeldeten und die Hallenkapazitäten nicht reichten, verlegte man die Übungsstunden kurzerhand in die Halle der evangelischen Kirchengemeinde. Kalac, selbst Muslim, ist Pragmatiker, kein Ideologe. „Ich weiß, wie wichtig Sport ist“, sagt er, „ich weiß, dass er einen Weg in die Zukunft weisen kann.“

          Sport hat eine enorme Integrationskraft

          Sport, sagt Kalac, sei für viele Flüchtlinge der erste Kulturkontakt mit Deutschland. Er habe eine enorme Integrationskraft. „Der Sport ist eine perfekte Übergangsform in die deutsche Gesellschaft.“ Weil er vieles vereine, die Gemeinsamkeit in der Bewegung, die Hinführung zur Sprache, aber auch die Vermittlung von Werten wie Fairness, die Einhaltung von Regeln, Disziplin, Hilfsbereitschaft, Kameradschaft, Selbstvertrauen, Freundschaft. Der Sport als Kurzschluss zwischen Menschen und Kulturen. „In der Umkleidekabine“, sagt Kalac, „gibt es immer zehn Minuten Zeit, um zu reden, über Probleme mit den Ämtern, über die fehlende Wohnung, über die Familie, über alles.“

          Die Hilfen, die der Sport Flüchtlingen bietet, sind vielfältig. Profiklubs spenden Geld und Freikarten, Fachverbände und Vereine engagieren sich. Die Basketball-Nationalmannschaft und der Basketball-Verband haben 25 000 Euro an Pro Asyl gespendet, der reiche Fußball geht mit gutem Beispiel und viel Geld voran. Mit seinem Projekt „1:0 für ein Willkommen“ stellt der DFB bis Ende des kommenden Jahres 600 000 Euro zur Verfügung, um Amateurvereinen bei der Finanzierung von Fußballangeboten für Flüchtlinge zu helfen. Es gibt zahllose Initiativen, die von gutem Willen geprägt sind. Die Frage ist: Was ist nachhaltig, was ist professionell?

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