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Wilhelmshaven-Urteil : „Die Fifa stößt mit ihrer Art der Sport-Führung an Grenzen“

Wilhelmshaven bringt den Weltsport in Bewegung Bild: dpa

Das BGH-Urteil zum Zwangsabstieg des SV Wilhelmshaven beschäftigt die Fußballwelt. Der Sportrechts-Experte Daniel Hövel erklärt die Folgen – und gibt Vereinen in Sachen Ausbildungsentschädigung einen Rat.

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          Der Bundesgerichtshof hat einen Zwangsabstieg des SV Wilhelmshaven für nichtig erklärt. Was sind die Folgen des Urteils für den Fußball?

          Der BGH hat festgestellt, dass dynamische Satzungsverweisungen, auf denen die Organisation des internationalen Sports basiert, problematisch sind. Deshalb sind die Folgen weiter reichend als nur auf die sportliche Zukunft des SV Wilhelmshaven bezogen. Die übliche Praxis von Verbänden, Rechtsprobleme im eigenen Haus zu klären, ist erschüttert.

          Was genau ist nun erschüttert?

          Die Fifa und andere Sportverbände haben mit endlosen Satzungsverweisungen nach dem Top-Down-Prinzip bislang ohne Zustimmung der Vereine ihre Regeln von oben nach unten durchgedrückt. Das mag für eine funktionierende Organisation ein bequemer Weg sein. Große Legitimität haben solche Satzungsverweisungen in der Regel allerdings nicht.

          Sportrechts-Experte Daniel Hövel: „Große Legitimität haben Satzungsverweisungen in der Regel nicht“

          Der BGH hat sich nun aber ausdrücklich nur des Themas Zwangsabstieg gewidmet. Warum lässt er den Kern des Streits, die Rechtmäßigkeit der Ausbildungsentschädigung, unbeachtet?

          Höchstgerichtliche Entscheidungen ziehen sich gerne auf einen kleinen Aspekt zurück, auch um die Wellen der Aufregung in Grenzen zu halten. Wenn der BGH freilich in diesem Zusammenhang die Frage der Ausbildungsentschädigung nicht behandelt, dann lässt sich das durchaus als eine Art der schweigenden Zustimmung zur Rechtsprechung des Oberlandesgerichts Bremen bewerten. Pauschale Ausbildungsentschädigungen sind demnach nicht mit EU-Recht vereinbar, da sie nicht nur einen Ausgleich nachweisbar für die Ausbildung entstandener Kosten darstellen. Im Ergebnis verstößt das pauschalierte Entschädigungssystem der Fifa gegen die Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU, da sie ein Hemmnis bei dem Mühen eines Fußballers um einen Profivertrag sind.

          Wie kommt der Fußball aus dem Dilemma wieder raus?

          Da ist Kreativität gefragt. Sicher wird sich die Fifa schon Gedanken gemacht haben im Vorfeld des Richterspruchs. Möglich wäre zum Beispiel, einen Status quo zu etablieren und bei zukünftigen Änderungen mehr auf den Dialog mit den Verbänden zu setzen. Da ist Dialogbereitschaft gefragt, die auch Legitimität verschaffen kann. Mit der derzeitigen Art der Führung des Sports ist die Fifa an Grenzen gestoßen.

          Was sind die akuten Folgen? Würden Sie Vereinen, die gerade eine Zahlungsaufforderung für pauschale Ausbildungsentschädigungen erhalten haben, empfehlen, die Zahlung zu unterlassen?

          Vereinen in Deutschland, bei denen die Situation ähnlich wie beim SV Wilhelmshaven ist, auf jeden Fall. Es wäre fast eine Fehlberatung, wenn man Klubs derzeit anderes empfehlen würde. Abgebenden Vereinen werden wahrscheinlich versuchen, sich die Ausbildungsentschädigung zunächst auf anderem Verhandlungsweg zu sichern. Der SV Wilhelmshaven hat gewonnen, aber es könnte sein, dass andere kleine Vereine Geld verlieren, weil ihnen eine höhere Ausbildungsentschädigung für einst im Verein ausgebildete Talente entgeht.

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