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Sportrecht-Kommentar : Im Namen der Sportler

In „dubio pro reo“ - für Sportler gilt das nicht immer Bild: dpa

Sportbetrügern ist mit der gegenwärtigen Gesetzeslage nicht beizukommen. Und den Mittätern von Dopern auch nicht. Es muss also ein Straftatbestand Sportbetrug her.

          In „dubio pro reo“, im Zweifel für den Angeklagten. Das galt nicht für Claudia Pechstein. Sie saß ihre Dopingsperre ab. Weil der Internationale Sportgerichtshof Cas die von ihr dargelegte Blutanomalie nicht als Grund für ihre auffälligen Blutwerte akzeptieren wollte und im Sportrecht die Beweislastumkehr gilt, der Sportler also den Dopingverdacht entkräften muss. Deshalb prozessiert sie bis heute, will Schadensersatz und erhält nun namhafte Unterstützung aus dem Sport.

          In „dubio pro reo“ hieß es auch nicht für Stefan Schumacher, den das Stuttgarter Landgericht vom Vorwurf des Betrugs an seinem früheren Arbeitgeber, Hans-Michael Holczer, einst Teamchef des Gerolsteiner-Rennstalls, freigesprochen hat. Weil es gar keinen Zweifel gab, den man für Schumacher hätte bemühen müssen. Der Radprofi konnte sein Team nicht betrügen, als er sich dopte. Holczer soll vom „eher freundlichen Doping-Klima“, so der Richter in der Urteilsverkündung, nichts gewusst haben? Kaum zu glauben, schon damals nicht.

          Nun zeigten sich auch die Richter in Stuttgart nicht weltfremd. Also wird Schumacher nicht zum Präzedenzfall für den Deutschen Olympischen Sportbund, dessen Führung behauptet, die bestehenden Gesetze genügten, um Betrüger auch strafrechtlich zu belangen. Hans-Peter Friedrich, der für den Sport zuständige Bundesinnenminister, zweifelte im Mai an dieser Argumentation, wollte aber den Schumacher-Prozess abwarten. Nun bekommt er es schwarz auf weiß: Sportbetrügern ist mit der gegenwärtigen Gesetzeslage nicht beizukommen. Und den Mittätern von Dopern wie Schumacher, den Hintermännern, den Ärzten, Apothekern und Teamchefs auch nicht. Es muss also ein Straftatbestand Sportbetrug her.

          Das geltende Sportrecht muss verbessert werden

          Das verlangen auch die Weltmeister Robert Harting und Christina Obergföll, die Claudia Pechsteins Petition unterschrieben haben. Ein Straftatbestand, den auch Pechstein fordert, würde die Sportler stärken, zumindest die ehrlichen. Zugleich zeigen die zahlreichen Unterschriften unter eine Petition, die in Teilen unzutreffend ist, dass sich Sportler im geltenden Sportrechtssystem außerhalb staatlicher Gerichte unterdrückt fühlen, dass sie sich nicht angemessen repräsentiert sehen in Verbänden und von Athletensprechern. Sie sind diejenigen, die sich einem unterfinanzierten Kontrollsystem unterwerfen müssen. Das spuckt so wenige Positivkontrollen aus, dass seine Glaubwürdigkeit auf dem Niveau der Lippenbekenntnisse aus dem Radsport zu Telekomzeiten liegt.

          Das geltende Sportrecht muss nicht gestürzt, aber verbessert werden. Die Sportler treffen vor dem Cas auf Schiedsrichter, die von den Sportorganisationen vorgeschlagen werden. Der Ruch der Parteilichkeit ließe sich mit frei wählbaren Schiedsrichtern schnell vertreiben. Die besten der jetzigen Cas-Richter würden gut beschäftigt bleiben. Zudem bleiben die Verbände auch beim größten Laissez-faire in Doping-Fragen bis heute de facto unbehelligt, werden eben nicht von Wettkämpfen ausgeschlossen. Ein international gültiges, einklagbares Strafzahlungssystem könnte ein Schritt in die richtige Richtung sein. Und ist es unmöglich, Sponsoren zu verpflichteten, pro Medaille bei EM, WM und Olympia automatisch die Summe X in die Dopingbekämpfung zu stecken? Sie würden dem Eindruck entgegentreten, es gehe ihnen allein um die Sieger und ihren Marktwert.

          Mancher Sportler betrügt. Aber im Getriebe des Sportbetrugs ist er nur ein Rädchen. Wer die Betrugsmaschine blockieren will, muss Verbesserungen wollen. Dafür stehen nun ein Urteil im Namen des Volkes und die Unterschriften unter Claudia Pechsteins Petition.

          Sportbetrügern ist mit der gegenwärtigen Gesetzeslage nicht beizukommen.

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