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Sportpolitik : Lukrative Pläne eines Großvaters

  • -Aktualisiert am

Auch bei den Combat Games: Wushu Bild: REUTERS

Was bringen Spezial-Spiele, etwa für Kampfsportarten? Und muss das IOC das Projekt von Hein Verbruggen fürchten? Seine Projekte sind groß dimensioniert: Den ersten Millionen-Plan setzt er bereits im August um.

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          Zwei Jahre ist es her, dass sich Hein Verbruggen endlich seiner Rolle als Großvater widmen wollte. „Ich will das Leben genießen“, sagte der Niederländer am Ende der Olympischen Spiele 2008 in Peking und trat als Mitglied des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) ab. Auch seine Ära beim Internationalen Radsportverband ließ er auslaufen. Er habe alles erreicht, sagte er. Die Rolle als Vorsitzender der Koordinierungskommission zwischen den Olympiern und den chinesischen Veranstaltern sei gleichzeitig der Höhepunkt und der Endpunkt seiner Funktionärskarriere gewesen. Und heute? Genießt Hein Verbruggen tatsächlich das Leben. Allerdings nicht mit Kinderhüten.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Der 69 Jahre alte Geschäftsmann und notorische Sportfunktionär sitzt schon wieder in Anzug und Krawatte inmitten eines weit verzweigten Netzwerks und beeinflusst die Entwicklung ganzer Sportarten. Als Präsident der Vereinigung der Internationalen Sportverbände – 87 an der Zahl – ist er in dieser Woche Gastgeber der „Sportaccord Convention“, der größten Kontaktbörse und Synergiemesse der olympischen und nichtolympischen Welt, in Dubai. „Ich betreibe das als Hobby“, sagt Verbruggen vorsorglich. „Ich verdiene keinen Pfennig daran.“ Persönliche Ziele habe er nicht. „Ich kenne die Verbände und weiß, dass sie Unterstützung brauchen.“ Und Geld, natürlich.

          Die jährlichen Sportaccord-Kongresse hat der Niederländer bereits zu einem Geschäft gemacht. Es bleibt jeweils eine sechsstellige Summe in Schweizer Franken übrig. Doch ein ausgeglichenes Konto ist für einen Macher wie Verbruggen kein Grund, sich auszuruhen. Seine Projekte sind größer dimensioniert: Den ersten Millionen-Plan setzt er bereits im August um. Dann finden in Peking die ersten „Combat-Games“ statt. In dreizehn Kampfsportarten, den vier olympischen Disziplinen Boxen, Ringen, Judo und Taekwondo und den neun nichtolympischen Disziplinen Aikido, Ju-Jitsu, Karate, Kendo, Kickboxen, Thaiboxen, Sambo, Sumo und Wushu werden dort 1200 Sportler aufeinander losgehen.

          Ein Fest für Freunde der Martial Arts. 2,5 Millionen Dollar hat Verbruggen bereits zusammen. „Ich habe die Spiele sehr gut verkauft, an die Stadt Peking“, sagt Verbruggen. Dort sitzen seine alten Freunde aus der Olympia-Zeit. „Ich gebe zu, ich wollte beim ersten Mal auf Nummer Sicher gehen“, sagt er. Wenn die „Combat-Games“ ein Erfolg werden, könnten sie zwei Jahre später wiederholt werden.

          Artistic Games, Mind Games, Beach and Ocean Games

          „Ich nenne das Spiele der ähnlichen Sportarten“, sagt Verbruggen. „Das Konzept ist neu. Und die Idee scheint attraktiv zu sein.“ Das nächste Projekt ist ebenfalls schon weit gediehen: Die Mind-Games. Das wären Spiele der Denksportarten Schach, Go, Dame und Bridge, die sich bereits zu einem Dachverband zusammengeschlossen haben. Dieses Festival der grauen Zellen könnte im kommenden Jahr in Nanjing ausgetragen werden. Mittlerweile seien andere Föderationen mit ähnlichen Wünschen an ihn herangetreten.

          So zeichnen sich in der Ferne „Artistic Games“ ab, zu denen sich die künstlerisch ambitionierten Sportarten Kunstradfahren, Synchronschwimmen, Tanzen oder Voltigieren zusammenfinden könnten. „Beach and Ocean Games“ könnten alles zusammenbringen, was sich in Sand und Wasser tummelt, beim Volleyball und Fußball etwa, inklusive der in Australien sehr beliebten Wettkampf-Lebensrettung. „Es gibt ein Rieseninteresse“, sagt Verbruggen. Die nichtolympischen Kampfsportarten nähmen zum Beispiel die „Combat-Games“ so ernst, dass sie ihre Weltmeisterschaften als Qualifikationen nutzten.

          Ein bisschen freier vom IOC

          „Die Verbände brauchen die Großereignisse“, sagt der Niederländer. Die Herausforderungen des modernen Sports belasteten ihre Finanzen manchmal sogar über die Maßen. Der extrem teure Anti-Doping-Kampf zum Beispiel, mit dem sich Verbruggen durch seine Radsport-Vergangenheit besonders genau auskennt. Oder die Abwehr von illegalen Wetten und Korruption. Oder auch die Gefahr, dass sich Profis in rivalisierenden Ligen von den Verbänden abspalten. Davon fühlen sich zwei Dutzend Sportarten bedroht.

          Mit ihren Spezial-Spielen könnten sich die nichtolympischen Sportarten ein bisschen freier vom Monopol des IOC machen. Eine Konkurrenz zu Olympia sehen aber weder Verbruggen noch sein alter Freund und Weggefährte aus Belgien, IOC-Präsident Jacques Rogge. „Erst letzten Freitag habe ich mit ihm wieder darüber gesprochen“, sagt Verbruggen. „Das IOC unterstützt uns.“

          Joint Venture mit youtube

          Tatsächlich nutzen auch die Olympier die „Sportaccord Convention“ in Dubai zu einem Treffen der Exekutive, die an diesem Mittwoch beginnt. Der Belgier schüttelt denn auch mit großzügiger Miene den Kopf. „Sie fischen nicht im gleichen Teich wie wir“, sagt er. Es gebe schließlich bereits viele ähnliche Veranstaltungen wie etwa die Commonwealth Games oder die frankophonen Spiele oder auch die lusitanischen Spiele, die Olympia keine Konkurrenz machen könnten.

          Das Desinteresse der Fernsehanstalten will Verbruggen durch ein Joint Venture mit dem Internet-Anbieter youtube ausgleichen. „Ich weiß, sie werden Bilder ihrer Sportarten zeigen“, sagt Rogge freundlich, „aber ich bezweifle, dass man damit viel Gewinn erzielen kann.“ Hein Verbruggen will die Zeit für sich arbeiten lassen und seine Projekte professionell voranbringen. „Es ist kein Business“, sagt er, „aber man muss es wie ein Business führen.“ Vom Enkelhüten ist nicht mehr die Rede. „Vor Großvätern wird gewarnt“, sagt Jacques Rogge. „Ich bin schließlich selbst einer.“

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