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Forderungen von de Maizière : Angriff auf die Vielfalt des Spitzensports

Welcher Sport hat welche Chancen auf Medaillen? Und wie sieht die Förderung in Zukunft aus? Bild: dpa

Der Innenminister fordert mehr Medaillen und eröffnet damit die Debatte um den Spitzensport jenseits von Rio 2016. Einige Sportarten müssen sich wohl schon bald ernsthafte Sorgen machen.

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          Drei Jahre nach dem ersten, gescheiterten Versuch durch den Deutschen Tischtennis-Bund, die Förderung von Sportarten in Deutschland öffentlich zu diskutieren, hat Bundesinnenminister Thomas de Maizière den Startschuss für eine Debatte gegeben. Hinter seiner Forderung an den deutschen Sport, auf saubere Art bei gleicher finanzieller Unterstützung in Zukunft „mindestens 30 Prozent mehr Medaillen“ zu gewinnen, steckt angeblich die Idee, ein rigides Streich- oder Konzentrationsprogramm durchzusetzen. Nach Informationen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung könnten die Steuergelder des Bundesinnenministeriums für den Spitzensport in Höhe von derzeit 150 Millionen Euro zum größten Teil solchen Disziplinen und Athleten zugute kommen, die eine gute Chance haben, bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen unter die ersten Drei zu kommen.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Dazu sollen nur etwa 20 Prozent der Sportler in rund 300 Wettbewerben bei Sommer- und Winterspielen in der Lage sein, wie ein Verhandlungsbeteiligter behauptete. Entsprechend groß wäre die Mittelverschiebung auf diese Gruppe, zu Lasten der übrigen 80 Prozent. Im Vergleich zur Förderung bis zu den Sommerspielen 2016 in Rio würde vom Herbst nächsten Jahres an nur noch jede sechste Disziplin gefördert. „Man kann sicherlich über die Effizienz des Sports diskutieren. Aber einige Sportarten müssten sich bei so einem Programm ernsthaft Sorgen machen, ob sie überleben werden“, sagte ein Verbands-Präsident am Freitag: „Wir bekämen Verhältnisse, wie wir sie längst überwunden glaubten.“

          „Reduzierung wäre nicht der richtige Ansatz“

          In der DDR waren Ende der sechziger Jahre Sportarten wie Basketball, Hockey und Reiten nicht weiter gefördert worden, weil Staats- und Sportführung keine Perspektiven sahen. Stattdessen wurden Disziplinen unterstützt, in denen die DDR wegen einer nicht besonders ausgeprägten internationalen Konkurrenz große Aussicht auf viele Medaillen hatte, etwa im Rennrodeln und Bobfahren.

          „Wir meint, mit Konzepten des vergangenen Jahrhunderts die Zukunft gestalten zu können, der irrt. Das ist weder vom BMI noch vom DOSB beabsichtigt“, sagte Alfons Hörmann, der Präsident des Deutschen Olympischem Sportbundes (DOSB). „Die Reduzierung auf 20 Prozent wäre nicht der richtige Ansatz, das habe ich in dieser extremen Form auch nicht in der Arbeitsgruppe gehört. Mich kann niemand von unserer breit angelegten Leistungssportkultur in Deutschland wegbringen. Das heißt aber nicht, dass wir zwangsläufig jede Disziplin in der vollen Bandbreite und Tiefe fördern.“

          Klare Ansage: DOSB-Präsident Hörmann (rechts) soll nach dem Willen von Bundesinnenminister de Maizière 30 Prozent mehr Medaillen herausholen.

          Hörmann gehört unter anderem der Arbeitsgruppe Leistungssportentwicklung an, in der das Innenministerium als Geldgeber und der DOSB als Empfänger das zukünftige Fördermodell diskutieren. „Ich betrachte die Forderung des Bundesinnenministers als plakative Form der Zielstellung, über die wir diskutieren. Wir sind ja erst in der Startphase“, sagte Hörmann: „Wir bleiben im konstruktiven Dialog und werden alles so regeln, dass der Minister seine Ziele erfüllt sieht, wir aber gleichzeitig das Sportsystem solide und vernünftig weiterentwickeln.“

          Der DOSB hatte wenige Monate nach den Olympischen Sommerspielen in London (44 Medaillen) in seiner Leistungsanalyse auf die zunehmende Konkurrenz hingewiesen. Im Vergleich zu den Spielen vergangener Dekaden beteiligen sich immer mehr Länder mit professionell vorbereiteten Athleten am größten Sportfest der Welt. Die meisten Länder konzentrieren sich dabei auf wenige Sportarten. Wenn Deutschland, so die Forderung des DOSB Ende 2012, weiterhin in der inoffiziellen Nationenwertung in der Spitze mitspielen solle, sei eine Mittelerhöhung um rund 38 Millionen Euro pro Jahr unerlässlich. Gegeben hat es, dank überraschend hoher Steuereinnahmen, 15 Millionen.

          De Maizières Forderung wird, unabhängig von der Frage, wie groß die Konzentration auf effektive Disziplinen tatsächlich ausfallen würde, einen internen Kampf um die Hackordnung und die Kriterien für die Einstufung auslösen. Der Tischtennis-Bund hatte vor drei Jahren unter anderem die internationale Konkurrenz, die Verbreitung einer Sportart und die Zahl der sie weltweit betreibenden Sportler als vordergründiges Kriterium betrachtet. Sportarten wie Skispringen, Biathlon oder Rennrodeln gerieten dann in Rechtfertigungsnot.

          „Wenn es zu radikalen Vorschlägen zur Neuorientierung in der Spitzensportförderung kommen sollte, wäre eine breite gesellschaftliche Diskussion über die Rolle des Spitzensports angebracht“, sagte die SPD-Politikerin Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag. „Generell sollte Deutschland den Anspruch haben, eine erfolgreiche Spitzensport-Nation zu sein.“ Wichtig sei auch die Wirkung auf die Breite der Gesellschaft. „Man darf Spitzensportförderung nicht allein auf den Gewinn von Medaillen verengen.“

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          Das sieht auch de Maizière so und stärkte alle, die eine neue Förderbewertung der Sportarten in der Gesellschaft diskutieren wollen: „Ein fünfter Platz in einem Endlauf über 100 Meter ist vielleicht mehr wert als eine Gold- oder Silbermedaille in einer deutschen Domäne.“ Das Rennen hat begonnen. Während der DOSB um die „Gesamtvermarktung“ seiner Verbände mit dem BMI kämpft, neigen Fachverbände dazu, mit dem Ministerium allein verhandeln zu wollen.

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