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Sportler des Jahres : Die Überflieger und der Klimawandel

  • -Aktualisiert am

Malaika Mihambo: Riesige Sprünge gehören zu ihrem Alltagsprogramm. Bild: AFP

Ein Abend ganz ohne Fußball: In den Nischen lässt sich die Weite der deutschen Sportkultur entdecken. Doch sie ist in Gefahr. Der Spitzensport hat große Sätze zu bieten – und Sätze, die nachdenklich stimmen.

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          Große Sätze: Das haben Malaika Mihambo, Niklas Kaul und das Team der Skisprung-Weltmeister gemein. Alle auf ihre Art Überflieger. Die Weitspringerin und der Zehnkämpfer, vom Quartett ganz zu schweigen. Riesige Sprünge gehören zu ihrem Alltagsprogramm, ob nun als Solisten oder im Ensemble. Solche Vorstellungen wirken, mitunter vom Februar über den Frühherbst bis zur schönen Bescherung.

          Die Wahl zur Sportlerin, zum Athleten und zum Team des Jahres, behaupten Vorgänger, trägt sogar weit über die Karriere hinaus. So schienen sie am Sonntagabend vor Glück über das Parkett des Kurhauses von Baden-Baden zu schweben, herausgehoben durch das Votum der deutschen Sportjournalisten aus dem Gros der Konkurrenten. Malaika Mihambo ließ Anne Haug, die weltbeste Triathletin auf der Langstrecke, hinter sich, der junge König der Zehnkämpfer knapp den King der Ironman-Weltgemeinde, Jan Frodeno. Und die weltmeisterliche Fliegercrew landete vor dem famosen Ruderachter. Große blieben auf der Strecke. Das sagt auch etwas über die Qualität des Angebotes.

          Der deutsche Spitzensport hat viel zu bieten. Zwar ist ein Siegeszug von Leichtathleten – im Behindertensport setzten sich Johannes Floors und Irmgard Bensusan (beide Sprint) durch – nicht ungewöhnlich. Doch die Würdigung zweier junger Männer lenkte den Blick exemplarisch in eine Ecke. Ein Tennis-Doppel auf Rang drei im Mannschaftswettbewerb? Kevin Krawietz und Andreas Mies gewannen nicht nur die French Open. Sie belebten diese unterschätzte, abgesehen von legendären Davis-Cup-Partien übersehene Erweiterung ihres Sports.

          In den Nischen lässt sich die Weite der deutschen Sportkultur entdecken. Sie ist in Gefahr. Nicht nur wegen des Klimawandels, der den Gestaltern des Wintersports Schnee wie Eis nimmt und (vorerst) von ihnen schnell kluge Antworten auf dringende Umweltfragen verlangt. Im Verdrängungswettbewerb der Sportarten wird zudem der Fußball seinen Spielraum erweitern wollen – und können. Gleichzeitig findet die rücksichtslose Zerstörung der Glaubwürdigkeit des Sports durch die Spiele in den Weltverbänden kein Ende.

          Immerhin kündigte Innenminister Horst Seehofer vor zehn Tagen eine Sportstättenoffensive für Deutschland an. Ein Milliardenprogramm mit segensreicher Wirkung, falls es denn so kommt. Der neue Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Fritz Keller, verspricht die „Einmischung“ seines Verbandes, falls Zivilcourage auf den komplexen sportpolitischen Spielfeldern gefordert ist. Also eher heute als morgen. Keller ließ sich von der Leichtigkeit der Athleten in Baden-Baden am Sonntag erfassen und wirkte dabei so geerdet, wie man es der Leistungssportfraktion seines Verbandes zuletzt gewünscht hätte. Ist das schon der Beginn eines erfreulichen Klimawandels?

          Dass daran hart gearbeitet werden muss, ließ sich im Kurhaus auch erkennen. Malaika Mihambo wurde ermutigt, ihrem Sprung über 7,30 Meter in die große weite Welt einen noch größeren folgen zu lassen: „Olympiagold in Tokio“, hieß es, „und Heike Drechslers deutscher Rekord von 7,48 Meter sind Anreiz genug.“ Ein Satz, der es in sich hat, würde man darüber nachdenken, wie er damals, 1988, zustande gekommen ist.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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