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Sportfunktionärin Bokel : Vom IOC zum Schweigen gebracht

Eingeschüchtert durch die Olympier: Claudia Bokel macht reinen Tisch Bild: dpa

Als das IOC die Entscheidung in der Russlandfrage gefällt hat, schwieg Claudia Bokel. Zwei Jahre später schildert die ehemalige Chefin der Athletenkommission, wie das IOC sie in der Russen-Frage unter Druck gesetzt hat.

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          Am 24. Juli ist es zwei Jahre her, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) eine Entscheidung traf, die sein Image drastisch veränderte, nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch bei vielen Athleten. Damals beschloss die IOC-Exekutive, die russische Mannschaft unter Auflagen bei den nahenden Sommerspielen in Rio de Janeiro starten zu lassen, obwohl Beweise vorlagen, dass es in diesem Land über Jahre hinweg ein breitangelegtes Doping-System unter Beteiligung des Sportministeriums und des Geheimdienstes gegeben hatte.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Um diese Entscheidung ranken sich bis heute viele Fragen. Eine lautet: Wie konnte es passieren, dass die Chefin der IOC-Athletenkommission mit Sitz in der Exekutive, die ehemalige Fechterin Claudia Bokel, sich nicht gegen diese Entscheidung wehrte? Sie war die einzige Stimme der Sportler bei dieser Sitzung – und enthielt sich. Und auch sonst blieb sie stumm.

          IOC wirft Indiskretion vor

          Es dauerte bis zum Beginn dieser Woche, bis Claudia Bokel, 2016 aus dem IOC ausgeschieden, inzwischen Präsidentin des Deutschen Fechter-Bundes und Geschäftsführerin der Stiftung FairSport, sich zu der Frage äußerte, wie die Funktionärsprofis des IOC sie damals zum Schweigen brachten. Auf einer Anti-Doping-Konferenz in Oslo, deren Mitveranstalter FairSport war, erklärte sie, dass sie und Beckie Scott, die Athletensprecherin der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada, vom IOC unter Druck gesetzt worden seien.

          Bokel schilderte die Lage, nachdem sie und Scott von der Wada über das Ausmaß des Betrugs informiert worden waren, der Bericht aber offensichtlich noch nicht abgeschlossen war. „Ich saß in der IOC-Sitzung und brachte das Thema möglicher Konsequenzen zur Sprache, falls sich das alles als Wahrheit herausstellen sollte. Wie sollten IOC und Wada regieren?“ Man habe ihr gesagt, sie wisse nur, was sie und vielleicht Beckie Scott dächten. Daraufhin hätten sie beschlossen, ihre Netzwerke zu nutzen und Athleten und Athletenvertretungen in der ganzen Welt zu befragen. „Wir hatten eine überwältigende Mehrheit, die sagte, ja, Russland sollte von Rio ausgeschlossen werden.“

          Wieder am Konferenztisch, habe man ihr vorgeworfen, dass sie IOC-Belange nach außen getragen habe. „Es kam vom IOC, dass ich nur meine und Beckies Meinung kenne – und dass ich keine anderen fragen dürfe. Also was hätte ich tun sollen?“ In der Zwischenzeit sei Beckie Scott von einem IOC-Mitglied unter Druck gesetzt worden, „das während der Spiele in Rio verhaftet wurde“ – das trifft auf das damalige Exekutivmitglied Hickey aus Irland zu. „Und ich selbst wurde intern unter Druck gesetzt.“ Sie habe geglaubt, sie könne sich vielleicht durchsetzen, wenn sie die Dinge weiter intern verhandle. Aber beim nächsten Treffen habe es geheißen: „Aber wir haben Briefe von anderen Athleten-Kommissionen, die nicht mit deiner Meinung übereinstimmen, sie stimmen mit der IOC-Meinung überein.“ Es sei vielleicht nur Zufall, „aber die meisten, die die Briefe geschrieben hatten, waren Kandidaten für die IOC-Athletenkommission in Rio“.

          Eingeschüchtert und schweigsam

          Nachdem das IOC festgelegt hatte, dass die Weltverbände die russischen Athleten einzeln überprüfen und über ihren Olympiastart entscheiden sollten, wurde Claudia Bokel in die dreiköpfige Kommission berufen, der es oblag, diese Entscheidungen endgültig abzusegnen. „Wir konnten sie nur formal beurteilen, nicht inhaltlich“, sagte Claudia Bokel, die damit trotzdem zum aktiven Teil des Systems wurde, das Russlands Olympiastart ermöglichte. Es zeigte sich, dass die Fachverbände je nach ihren Beziehungen zu Russland ganz unterschiedliche Maßstäbe an die Doping-Biographien der Sportler anlegten.

          Als drei Tage vor Eröffnung der Spiele das IOC seine 129. Vollversammlung abhielt, ließ Präsident Thomas Bach die Entscheidungen seiner Exekutive durch die Mitglieder bestätigen. Es gab nur eine Gegenstimme, die nicht von Claudia Bokel kam, sondern von einem anderen Athletenvertreter, dem Briten Adam Pengilly. Bokel zog es vor, sich als Exekutivmitglied zu enthalten. Den sonst üblichen Bericht der Athleten-Chefin ließ Bach ausfallen. Ihr mündlicher, in Englisch vorgetragener Kurz-Kommentar war unverständlich, und sie war später nicht bereit, ihn zu erläutern. Es wäre ihre letzte Chance gewesen, den Athleten Gehör zu verschaffen, die sie im höchsten Gremium des IOC eigentlich offensiv vertreten sollte.

          IOC gibt sich überrascht

          Dass die russische Informantin und Athletin Julija Stepanowa den Spielen fernbleiben musste, während andere verdächtige russische Athleten dabei waren, erwähnte Claudia Bokel auch in Oslo nicht. Aber auch dies empfanden viele Athleten, denen immer wieder nahegelegt wird, als Kronzeugen im Anti-Doping-Kampf aufzutreten, damals als Brüskierung. Auch dazu schwieg Claudia Bokel in Rio, offensichtlich eingeschüchtert durch das IOC.

          Am Mittwoch erklärte ein IOC-Sprecher in Lausanne, er sei überrascht von den Vorwürfen. „Besonders, da Claudia Bokel Teil des Exekutivkomitees war, das all diese Entscheidungen getroffen hat.“ Während ihrer vier Jahre als Chefin der Athletenkommission habe sie dieses Thema im IOC niemals zur Sprache gebracht.

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