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Sportfunktionär Beilschmidt : Der „doppelte Lump“

  • -Aktualisiert am

Umstrittener Sportfunktionär: Rolf Beilschmidt soll in Thüringen in Amt und Würden bleiben Bild: Imago

Rolf Beilschmidt wird wohl in Amt und Würden bleiben. Die blitzsaubere Karriere vom Olympia-Hochspringer der DDR mit Doping- und Stasi-Kapiteln zum Spitzensportfunktionär in Ost wie West könnte der Geschäftsführer des Landessportbunds Thüringen nun fortsetzen.

          Vor ein paar Tagen hat Rolf Beilschmidt Post von der Stasi-Kommission des Deutschen Olympischen Sportbundes bekommen. Das Schreiben ist noch nicht veröffentlicht worden. An diesem Freitag will der Landessportbund Thüringen eine Presseerklärung dazu veröffentlichen. Von einer Wende im Thüringer Sport wird darin nicht zu lesen sein.

          Nach Informationen dieser Zeitung hat die Stasi-Kommission zu Beilschmidt, Zuträger des Ministeriums für Staatssicherheit von 1976 bis 1989, keine „negative Empfehlung“ an das ehrenamtliche Präsidium des Landessportbundes (LSB) übermittelt. Der Geschäftsführer des LSB, der Strippenzieher im Thüringer Leistungssport, wird wohl in Amt und Würden bleiben. Die blitzsaubere Karriere vom Olympia-Hochspringer mit Doping- und Stasi-Kapiteln zum Spitzensportfunktionär in Ost wie West könnte der 61-Jährige nun fortsetzen – bis zur Rente. Wie ist das möglich?

          Beilschmidt war am Donnerstag nicht zu erreichen. Er hat sich zu den Vorwürfen nur selten geäußert. Mal will er abgeschöpft worden sein, mal hat er versucht, sich bei einem Ehepaar, dass er diffamiert hatte, um Entschuldigung zu bitten, mal kann er sich nicht erinnern. Die Akten der Stasi-Unterlagen-Behörde helfen auf die Sprünge. Dass Beilschmidt unter dem Decknamen „Paul Grün“ in den siebziger Jahren als IM gearbeitet hatte, ist seit Jahren bekannt. Aber im vergangenen Herbst tauchten weitere Dokumente auf. Sie belegen, dass der frühere Athlet seine Zuträgerdienste an das Schild und Schwert der Sozialistischen Einheitspartei nicht wie behauptet beendete, nachdem die Stasi ihn als „unzuverlässig“ eingeschätzt hatte.

          Beilschmidt berichtete weiter aus dem Kreise seiner Bekannten und Vertrauten und soll stets auf der Hut vor einer Enttarnung gewesen sein, wie sein Führungsoffizier schrieb: Um das „Vertrauensverhältnis nicht aufs Spiel“ zu setzen. So konnte er ehemalige Freunde aushorchen, über Westkontakte von Mitbürgern, über Charakterzüge und Intimes, über das Engagement der politischen Opposition berichten.

          Schaden billigend in Kauf genommen

          Jeder halbwegs gescheite DDR-Bürger wusste, in welchen absurden Aktionismus die Stasi bei diesen Stichworten verfiel, dass sofort die Überwachungsmaschine das gesamte Leben der Angeschwärzten durchleuchtete. Im riesigen Netz blieben viele hängen. Deshalb hat eine frühere Stasi-Kommission des deutschen Sports unter Führung des Bürgerrechtlers Matthias Büchner eine strenge Definition für ihre Empfehlung entwickelt: „Wer Schaden für andere Menschen billigend in Kauf genommen hat, sollte im Sport keine führende Position übernehmen.“

          Beilschmidt hat Schaden billigend in Kauf genommen. Im März 1983, so geht es aus den Unterlagen hervor, informierte er die Stasi über die Absichten des Regimekritikers Roland Jahn, heute Leiter der Stasi-Unterlagen-Behörde. Dessen Vater hatte Beilschmidt erzählt, dass der gerade aus dem Gefängnis entlassene Sohn „nicht die Absicht besitzt, einmal in die BRD legal übersiedeln“ zu wollen. „Er will in der DDR den Friedenskampf weiterführen.“

          Nur durfte er das nicht. Wenige Wochen später wurde Roland Jahn in Knebelketten in einen Zug Richtung Bayern gesetzt, zwangsausgewiesen. Ein Postkarte Jahns aus dem Westen lieferte Beilschmidt Wochen später bei der Stasi ab. Jahn hält sich zurück bei der Beurteilung. Im vergangenen Herbst aber sagte er: „Als ich erfuhr, dass mein Jugendfreund eine Postkarte bei den Genossen abgegeben hat, habe ich mich klar und deutlich verraten gefühlt.“

          Er dementierte noch vor wenigen Monaten

          Alles viele Jahre her? Der Vorsitzende der Stasi-Kommission, Hansjörg Geiger, verweist auf ein jüngeres Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Demnach seien nicht allein die Akten ausschlaggebend für eine Empfehlung. Es sei im Rechtsstaat nicht so, sagt der Gründungsdirektor der Stasi-Unterlagen-Behörde, dass, wer einmal etwas Unschönes oder Ungutes getan habe, zeitlebens in Acht und Bann geschlagen sei. Neben den Gesprächen mit dem Beschuldigten wird auch das Verhalten des ehemaligen Spitzels seit dem Herbst 1989 berücksichtigt. Was also hat Rolf Beilschmidt nach dem Fall der Mauer getan?

          Vor wenigen Monaten noch dementierte er. Zum Beispiel, der Stasi je über die frühere Klubkameradin Ines Geipel berichtet zu haben. Laut Aktenlage war es aber so. Die Schriftstellerin, Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfevereins, hat es schwarz auf weiß: „Rolf Beilschmidt lügt weiter. Was soll ich noch dazu sagen? Wenn er stattfindet in meiner Opferakte und zwar sehr konkret, dann findet er statt.“

          War er glaubwürdig im Anti-Doping-Kampf

          Gegengerechnet werden offenbar andere Fakten: Beilschmidts Wirken im Freistaat, nachdem Bürgerrechtler, Oppositionelle, Demonstranten der „Stütze des Systems“ (Beilschmidt über Beilschmidt) den Weg zu Höhenflügen auch im Freistaat freigeräumt hatten: Vom Klubchef des mit Doping verseuchten SC Motor Jena Anfang 1989 schaffte der frühere Rekordhalter der DDR (2,31 Meter im Jahr  1977) 1991 den Sprung an die Spitze des Olympiastützpunktes Thüringen.

          Eine interessante Konsequenz. Als das Staats-Doping der DDR enthüllt, die flächendeckende Versorgung von Spitzensportlern mit Anabolika bekannt wurde, entschied ein Mann über Leistungssport und Leistungssportler, der mit einer Anabolika-Vergabe groß geworden war. Das heißt nicht, dass Beilschmidt als Verteiler alter Methoden im neuen Gewand gewirkt hat. Aber konnte er glaubwürdig gegen Doping und Doper auftreten, die von seiner Vergangenheit wussten? Und hat er an der Aufklärung mitgewirkt? Nicht wirklich. Erst 2011 räumte Beilschmidt ein, was alle Welt längst wusste.

          Exempel für eine groteske Fehlentwicklung

          Als zentrale Figur des Thüringer Sports neben dem eher schwachen LSB-Präsidenten Gösel werden Beilschmidt Erfolge des Spitzensports in seinem Land zugute gehalten. Die Regierung ist stolz. Falls Beilschmidt das bewirkt hat, dann trägt er allerdings auch die Verantwortung für die immer wieder verschleppte Aufarbeitung und den Geist der Seilschaften. Es kann kein Zufall sein, dass im Thüringer Sport belastete Funktionäre und Trainer ihr mit Steuergeldern finanziertes Auskommen fanden, während Gegner wie der frühere Leichtathlet Henner Misersky zweimal in ihrem Leben ausgegrenzt, ja beruflich vernichtet wurden: Erst in der DDR, als der Vater der späteren Biathlon-Olympiasiegerin Antje Misersky als Trainer eine Doping-Vergabe ablehnte. Dann im bundesdeutschen Thüringen, weil er eine konsequente Aufarbeitung der Manipulationen und eine Verabschiedung der Manipulateure aus dem Sport verlangte.

          Die Chuzpe der alten Kameraden reichte sogar zu einer Verbrüderung. Einer der ersten im Westen (1994) wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz im Zusammenhang mit Frauen-Doping verurteilten Trainer, der Jurist Jochen Spilker, wurde kurz darauf Rechtswart – im LSB Thüringen.

          Erst Leiter des Olympiastützpunktes, nun seit 14 Jahren Hauptgeschäftsführer des LSB: Beilschmidts Karriere betrachtet Ines Geipel als ein typisches Exempel für eine groteske Fehlentwicklung: „Mit seinem Verrat war er Profiteur in der DDR, aber viel mehr noch im vereinten Deutschland. Seine Doppelkarriere als Lump ist ein Bericht darüber, was an Verdrängung in Sport und Politik möglich ist.“

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