https://www.faz.net/-gtl-83306

Sportfunktionär Beilschmidt : Der „doppelte Lump“

  • -Aktualisiert am

Er dementierte noch vor wenigen Monaten

Alles viele Jahre her? Der Vorsitzende der Stasi-Kommission, Hansjörg Geiger, verweist auf ein jüngeres Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Demnach seien nicht allein die Akten ausschlaggebend für eine Empfehlung. Es sei im Rechtsstaat nicht so, sagt der Gründungsdirektor der Stasi-Unterlagen-Behörde, dass, wer einmal etwas Unschönes oder Ungutes getan habe, zeitlebens in Acht und Bann geschlagen sei. Neben den Gesprächen mit dem Beschuldigten wird auch das Verhalten des ehemaligen Spitzels seit dem Herbst 1989 berücksichtigt. Was also hat Rolf Beilschmidt nach dem Fall der Mauer getan?

Vor wenigen Monaten noch dementierte er. Zum Beispiel, der Stasi je über die frühere Klubkameradin Ines Geipel berichtet zu haben. Laut Aktenlage war es aber so. Die Schriftstellerin, Vorsitzende des Doping-Opfer-Hilfevereins, hat es schwarz auf weiß: „Rolf Beilschmidt lügt weiter. Was soll ich noch dazu sagen? Wenn er stattfindet in meiner Opferakte und zwar sehr konkret, dann findet er statt.“

War er glaubwürdig im Anti-Doping-Kampf

Gegengerechnet werden offenbar andere Fakten: Beilschmidts Wirken im Freistaat, nachdem Bürgerrechtler, Oppositionelle, Demonstranten der „Stütze des Systems“ (Beilschmidt über Beilschmidt) den Weg zu Höhenflügen auch im Freistaat freigeräumt hatten: Vom Klubchef des mit Doping verseuchten SC Motor Jena Anfang 1989 schaffte der frühere Rekordhalter der DDR (2,31 Meter im Jahr  1977) 1991 den Sprung an die Spitze des Olympiastützpunktes Thüringen.

Eine interessante Konsequenz. Als das Staats-Doping der DDR enthüllt, die flächendeckende Versorgung von Spitzensportlern mit Anabolika bekannt wurde, entschied ein Mann über Leistungssport und Leistungssportler, der mit einer Anabolika-Vergabe groß geworden war. Das heißt nicht, dass Beilschmidt als Verteiler alter Methoden im neuen Gewand gewirkt hat. Aber konnte er glaubwürdig gegen Doping und Doper auftreten, die von seiner Vergangenheit wussten? Und hat er an der Aufklärung mitgewirkt? Nicht wirklich. Erst 2011 räumte Beilschmidt ein, was alle Welt längst wusste.

Exempel für eine groteske Fehlentwicklung

Als zentrale Figur des Thüringer Sports neben dem eher schwachen LSB-Präsidenten Gösel werden Beilschmidt Erfolge des Spitzensports in seinem Land zugute gehalten. Die Regierung ist stolz. Falls Beilschmidt das bewirkt hat, dann trägt er allerdings auch die Verantwortung für die immer wieder verschleppte Aufarbeitung und den Geist der Seilschaften. Es kann kein Zufall sein, dass im Thüringer Sport belastete Funktionäre und Trainer ihr mit Steuergeldern finanziertes Auskommen fanden, während Gegner wie der frühere Leichtathlet Henner Misersky zweimal in ihrem Leben ausgegrenzt, ja beruflich vernichtet wurden: Erst in der DDR, als der Vater der späteren Biathlon-Olympiasiegerin Antje Misersky als Trainer eine Doping-Vergabe ablehnte. Dann im bundesdeutschen Thüringen, weil er eine konsequente Aufarbeitung der Manipulationen und eine Verabschiedung der Manipulateure aus dem Sport verlangte.

Die Chuzpe der alten Kameraden reichte sogar zu einer Verbrüderung. Einer der ersten im Westen (1994) wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz im Zusammenhang mit Frauen-Doping verurteilten Trainer, der Jurist Jochen Spilker, wurde kurz darauf Rechtswart – im LSB Thüringen.

Erst Leiter des Olympiastützpunktes, nun seit 14 Jahren Hauptgeschäftsführer des LSB: Beilschmidts Karriere betrachtet Ines Geipel als ein typisches Exempel für eine groteske Fehlentwicklung: „Mit seinem Verrat war er Profiteur in der DDR, aber viel mehr noch im vereinten Deutschland. Seine Doppelkarriere als Lump ist ein Bericht darüber, was an Verdrängung in Sport und Politik möglich ist.“

Weitere Themen

Spott für Griezmann – Warten auf Neymar

FC Barcelona : Spott für Griezmann – Warten auf Neymar

Messi? Nicht dabei. Suarez? Fällt länger aus. Griezmann? Spielt seltsam. In Barcelona schrillen schon nach dem ersten Spieltag die Alarmglocken. Nun hoffen alle auf Neymar. Doch der Brasilianer ist auch eine Bedrohung.

Bayern-Fans heiß auf Neuzugang Coutinho Video-Seite öffnen

Transfer-Neuzugang : Bayern-Fans heiß auf Neuzugang Coutinho

Auf dem Spielfeld während des Trainings suchte man ihn noch vergebens. Der FC Bayern hatte aber bestätigt: Er und der FC Barcelona haben grundsätzlich eine Einigung über einen Transfer von Philippe Coutinho nach München erzielt.

Topmeldungen

Ein ICE als Bummelzug : Drei Stunden Frust im Waggon

Immer wieder bleibt der ICE stehen. Mitten auf der Strecke zwischen Mannheim und Frankfurt. Aber warum? Wegen des Wetters? Wann geht es weiter? Antworten gibt es nicht, die Fahrgäste kommen sich vor wie Schafe.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.