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Sportausschuss : Ein Doper als Kronzeuge?

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Macht sich für neue Struktur der Nada-Finanzierung stark: DOSB-Präsident Alfons Hörmann Bild: dpa

Sachverständige sprechen sich im Sportausschuss des Bundestags für eine Kronzeugenregelung aus. Sportler sollen allerdings nicht strafmildernd davonkommen. DOSB-Chef Hörmann fordert abermals neue Finanzierungsstruktur der Nada.

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          Ganz überwiegend haben die Sachverständigen bei einer öffentlichen Anhörung des Sportausschusses des Deutschen Bundestages die Aufnahme einer Kronzeugenregelung ins Anti-Doping-Gesetz empfohlen. Zudem haben sie die Einrichtung von Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften über die in München und Freiburg hinaus angeregt. Die Vorstandsvorsitzende der Nationalen Anti-Doping-Agentur (Nada), Andrea Gotzmann, regte die Schaffung von Schwerpunkt-Staatsanwaltschaften in jedem Bundesland an. Sie beklagte, dass Verfahren aus Unkenntnis der Ermittler eingestellt wurden. Oberstaatsanwalt Kai Gräber, in München für die Operation Aderlass zuständig, pflichtete ihr bei.

          Auch Gräber nannte das vor vier Jahren erlassene Anti-Doping-Gesetz (ADG) ein gutes, aber verbesserungswürdiges Gesetz. Er halte es für ungerecht, dass sich etwa Händler von Doping-Mitteln durch ihre Bereitschaft, als Kronzeuge auszusagen, freikaufen könnten, Sportlerinnen und Sportler aber nicht. Zudem forderte er, wie der ehrenamtlich als Präsident des Tischtennis-Weltverbandes (ITTF) engagierte Rechtsanwalt Thomas Weikert, eine Erhöhung des Strafmaßes auf fünf Jahre; die derzeit vorgesehene Höchststrafe von zwei Jahren entspreche der von Ladendiebstahl und Beleidigung und sei nicht dem gesellschaftlichen Rang des Vergehens angemessen. Gräber forderte eine Ausweitung der Strafbarkeit von Doping über den Profi- und Spitzensport hinaus. Viele der Praktiker aus Sport und Justiz forderten den Schutz von Kronzeugen und Whistleblowern; allein die bei einem Geständnis von Doping folgende Streichung aus Ergebnis- und Rekordlisten dürfte allerdings die Anonymität von Kronzeugen verhindern. Claudia Lepping, die als Whistleblowerin und Zeugin die Verurteilung des Trainers Heinz-Jochen Spilker („Hammer Modell“) auslöste, warnte vor der sportrechtlichen Strafmilderung von Kronzeugen; es wäre ein verheerendes Signal, Doping nicht zu sanktionieren. Sie fordert, dopenden Ärzten die Approbation zu entziehen.

          Handlungsfreiheit für die Verbände 

          Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) nutzte in Person seines Präsidenten Alfons Hörmann die Gelegenheit, die Forderung nach einer neuen Struktur der Finanzierung der Nada zu erneuern. Einerseits sei der Sport bereit, seine Sitze im Aufsichtsrat der Nada aufzugeben, um der Doping-Bekämpfung ein größeres Maß an Unabhängigkeit zu ermöglichen. Andererseits solle der Staat das Geld, das der Nada dadurch entgehe, aus der Sportförderung (von derzeit 235 Millionen Euro) umwidmen. Insbesondere gehe es um die Erstattung der Kosten von Kontrollen und Analysen im Wert von rund 1,2 Millionen Euro im Jahr, welche die Fachverbände aus Eigenmitteln bestreiten müssen. Hörmann sagte, der DOSB werde seinen Beitrag von 400.000 Euro zum Nada-Budget weiter leisten. Es gehe darum, Handlungsfreiheit für die Verbände zu schaffen.

          Hörmann warnte, bei grundsätzlicher Zustimmung zum ADG, vor der Konkurrenzsituation von Sport- und Strafrecht. Bis heute könne der DOSB nicht beurteilen, wie sich dies in der Praxis auswirke. Bislang sei der Sport in der Zuschauerrolle und müsse den Abschluss der strafrechtlichen Verfahren abwarten. Am Vorabend hatte Hörmann bei einer öffentlichen Veranstaltung unter Verweis auf den Prozess gegen eine österreichische Sportlerin – er meinte offenbar die Mountainbikerin Christina Kollmann, die wegen gewerbsmäßigen schweren Betrugs und Epo-Doping angeklagt war – gesagt: Wenn eine geständige mehrfache Doperin mit einer Bewährungsstrafe von acht Monaten davonkomme, sei dies eine „Lachnummer in Vollendung“. Eine vierjährige Sperre im Sport sei eine um Längen härtere Strafe. Sollte es in Deutschland zu vergleichbaren Fällen kommen, erwarte er schärfere Sanktionen.

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