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Sportaccord : Die Macht der Geld-Maschine

Zeit abgelaufen: Marius Vizer Bild: AP

Der Rauch lichtet sich: Der Angriff von Marius Vizer auf Thomas Bach ist nach hinten losgegangen. Viele springen dem IOC-Chef zur Seite.

          So langsam legt sich der Pulverdampf über dem aktuellen Schlachtfeld der internationalen Sportpolitik, der Konferenzwoche Sportaccord in Sotschi. Thomas Bach, der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), ist schon längst wieder abgereist. Und sein Verbal-Herausforderer Marius Vizer, als Präsident der Vereinigung aller Welt-Sportverbände (Sportaccord) Gastgeber der Veranstaltung, gab sich ein wenig bescheidener als zwei Tage zuvor. Er entschuldigte sich sogar für seine Eröffnungsrede vom Montag, in der er den als Festredner anwesenden Bach wütend attackiert und damit die ganze Nomenklatur der Sportpolitik gegen sich aufgebracht hatte. Allerdings entschuldigte er sich nur für die Art des Vortrags und die Wahl des Zeitpunktes. Und auch nur vor der Vereinigung der 28 Olympischen Sommersportverbände (Asoif), die als Reaktion auf Vizers Statements ihre Mitgliedschaft bei Sportaccord bis auf eine Ausnahme ausgesetzt haben. Nämlich Judo, deren Präsident Vizer selbst ist. „Aber inhaltlich“, sagte Vizer, „erhebe ich meine Stimme und sage meine Meinung.“

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Allerdings war bei dem Schlagabtausch, zu dem er Bach auf dem Rednerpult herausforderte, wohl eher das Nicht-Gesagte das wichtigste Thema gewesen: Die Konkurrenzsituation zwischen Sportaccord und dem IOC, die Marius Vizer aufzubauen versuchte, als er im November 2014 einen Partnerschafts-Vertrag mit dem europäischen Nachrichtensender Euronews abschloss. Seit diesem Jahr bringt der Sender Berichte vom Sport. Auch Wettkämpfe sollten übertragen werden, hieß es damals in einer Pressemitteilung, als Beispiele wurden Fußball, Turnen, Beach-Volleyball und Judo genant - alles olympische Sommersportarten, deren Weltverbände, bis auf Judo, zur Zeit nicht mehr zu Vizers Einflussbereich gehören. Dieser Fernsehvertrag steht im Widerspruch zu dem, was das IOC mit seinem neuen Olympischen TV-Kanal vorhat. Dieser soll von April 2016 an zunächst im Internet und später auch im Fernsehen den olympischen und nicht-olympischen Sportarten eine Plattform bieten. 490 Millionen Dollar wird die olympische Bewegung für diesen Kanal lockermachen, der eines von Bachs Lieblingsprojekten ist.

          Er gehörte bereits 2013 zum Programm, mit dem Bach in den Wahlkampf um das IOC-Präsidentenamt zog. Trotzdem behauptete Vizer in seiner Rede, die einstimmige Entscheidung der IOC-Vollversammlung für die Gründung des Kanals im Dezember 2014 habe ihn überrascht. Um den Schein zu wahren? Schon vor zwei Jahren hatte Vizer angekündigt, eigene Spiele ins Leben rufen zu wollen, Weltmeisterschaften in 91 Sportarten alle vier Jahre. Die Gründe, warum der aus Rumänen stammende Österreicher immer wieder versucht, Bach Konkurrenz zu machen, liegen im Dunkeln.

          Bescheidenheit gefordert

          Sportaccord, sagte am Mittwoch der Tennis-Weltpräsident Francesco Ricci Bitti als Vorsitzender der Asoif, müsse verändert werden, um Duplizitäten zu vermeiden. Die Organisation müsse „bescheiden und praxisorientiert sein“, bescheinigte er dem ehrgeizigen Vizer in seiner Replik auf dessen Halb-Entschuldigung. „Wir brauchen ein Sportaccord, das der Sportbewegung Mehrwert bietet.“ Als Beispiel für ein „unnötiges Projekt“ nannte er weder die Vizer-Spiele noch den Fernsehvertrag mit Euronews, sondern die Idee, Sportaccord müsse genau wie das IOC um die Integrität des Sports und gegen Spielmanipulation kämpfen. Die Dachorganisation solle sich, empfahl der Tennis-Chef, mit Nischen-Events befassen wie Beach Games, Mind Games oder Combat Games, die auch nicht-olympischen Sportarten eine große Bühne bieten.

          Vizer allerdings lässt sich ungern belehren. In einem Interview mit seinem Haussender Euronews erklärte er, diesmal ohne jede begleitende Entschuldigung, das IOC habe auf seine Attacken reagiert, indem es Druck auf einige Weltverbände ausübte. Den Austritten des Leichtathletik-Weltverbandes, der Schützen und Bogenschützen folgte am Mittwoch das Internationale Paralympische Komitee, auch die olympischen Wintersportverbände formulierten schriftlich ihre Missbilligung. Es ist aber davon auszugehen, dass das IOC es nicht nötig hatte, dies von den Verbänden zu verlangen, denn die wissen auch so, wer die Macht hat und woher die Geldzuwendungen kommen, von denen nahezu die ganze Bewegung lebt. Das IOC sei eine „starke Maschine“, erklärte Ricci Bitti dem eigenmächtigen Vizer. Und es sei Zeitverschwendung, diese destabilisieren zu wollen.

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