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Kein Superspreader : Mehr Sport wagen

  • -Aktualisiert am

Mit Blick auf die Ansteckungsrate kaum gefährlicher als Radfahren im Wald: Tennis (hier Aryna Sabalenka) Bild: AP

Das Sporttreiben in Deutschland war bislang kein Superspreader. Warum also nicht genauer hinschauen und die Fähigkeiten der Vereine für ein Leben mit dem Virus nutzen?

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          Was ist der Sport der Gesellschaft wert? Auf diese Frage reagierten Politiker und Verbandsfunktionäre über Jahrzehnte quasi unisono: Er sei eine Stütze der Gesellschaft. Erst in der Krise lässt sich erkennen, was hinter den gern mit Pathos vorgetragenen Worten steht. Auf den ersten Blick liegt der Sport in der Prioritätenliste weit hinten, zusammen mit der Kultur. Der am Mittwoch für die rund 90.000 Amateur-Vereine verordnete Stillstand wirft ihn ans Tabellenende im Spiel gegen Corona.

          Auf den zweiten Blick fällt die Unterstützung des Sports durch die Politik auf Länderebene auf. Es gab schon im ersten Lockdown schnell das Angebot zu Überbrückungshilfen. Das wird wieder so sein. Aber es ist nicht das Geld, das der Sport so dringend nötig hätte. Noch wichtiger wäre eine angemessene Wahrnehmung seiner Struktur und seines Potentials. Profisport etwa, auch das hat Corona hervorgebracht, wird in Talkshows und von Meinungsmachern in der Politik häufig allein mit dem Reichtum der Fußball-Bundesliga gleichgesetzt. Als badeten Leistungssportkader und Olympiakandidaten wie Ruderer, Judoka oder Läufer zwischen ihren Trainingseinheiten im Luxus.

          Existenz bedroht

          Mancher ist dankbar für 750 Euro von Verein, Sponsor oder Sporthilfe – im Monat. Ihre Existenz ist auf Dauer genauso bedroht wie die eines Kabarettisten; die des Kinos nebenan, so gefährdet wie das Überleben von Vereinen, die Bäder betreiben, in ihren Hallen und auf ihren Freiluftanlagen Millionen Kinder und Alte bewegen. Es mag verständlich sein, dass sich das Bildungsargument, die Stärkung von Körper und Geist in der Gemeinschaft, nicht als konstruktive Reaktion auf den Angriff des Virus durchsetzen kann, sobald die Politik eine unkontrollierbare Ausbreitung des Virus fürchtet. Aber wie wäre es mit Fakten?

          Das Sporttreiben in Deutschland, so viel ist bislang gewiss, war bislang kein Superspreader. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass selbst in Sporthallen Veranstaltungen mit Publikum möglich wären, ohne größere Risiken einzugehen, falls die Belüftung gut ist und Regeln beachtet werden. Beim Sport, auch auf den Rängen im Fußballstadion, ist das kein Problem.

          Weil schon Kinder im Wettkampf schnell und praxisnah Regeln lernen und deren Segen verstehen. Hätte es andernfalls bundesweit bis in den Dorfverein hinein funktionierende Hygienekonzepte gegeben? Tennis, um nur ein Beispiel zu nennen, ist mit Blick auf die Ansteckungsrate kaum gefährlicher als Radfahren im Wald. Warum also nicht genauer hinschauen und die Fähigkeiten der Vereine für ein Leben mit dem Virus nutzen? Das könnte daran liegen, dass der Sport auf Bundesebene zwar mit am Kabinettstisch sitzt. Doch er wird, anders als die Kultur mit Staatsministerin Monika Grütters, allein in Sachen Medaillenproduktion von Innenminister Horst Seehofer vertreten. Dieser mag die Vereine, wie er sagt. Aber im Moment hat er anderes zu tun.

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

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