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Sport und Moral : „Hochleistungssport als Religionsersatz ist ein Problem“

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Sportprofessor trifft Papst: Norbert Müller und Benedikt XVI. Bild:

Doping, Korruption, Kommerz: Der Spitzensport steckt in einer moralischen und ethischen Krise. Muss sich die Kirche stärker einmischen? Norbert Müller, Sportwissenschaftler und Berater des Papstes, spricht über Fairplay, Moral und christliche Werte.

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          Doping, Korruption, Kommerz: Der Spitzensport, das hat dieses Jahr gezeigt, steckt in einer moralischen und ethischen Krise. Muss sich die Kirche stärker einmischen? Norbert Müller, Sportwissenschaftler und Berater des Papstes, spricht über Fairplay, Moral und christliche Werte.

          Haben Sie das Handspiel des Franzosen Thierry Henry verfolgt, mit dem er den Traum der Iren zerstört hat, sich für die Fußball-WM in Südafrika zu qualifizieren?

          Ja, ich fand sein Verhalten inakzeptabel, und ich fand auch das Verhalten der Fifa unmöglich. Es hätte entweder ein Wiederholungsspiel geben müssen oder eine andere Form der Entscheidung. Dass die Fifa mit Verweis auf ihr Regelwerk alles von sich weist, wird die Sportgeschichte für lange Zeit verfolgen. Es wurde in vollem Umfang gegen Fairplay verstoßen, ohne dass versucht wurde, dies in Ordnung zu bringen und die Regeln im Sinne der Glaubwürdigkeit gerecht auszulegen. Damit hat die WM 2010 ihren ersten Skandal. Ich finde das alles unglaublich, und ich finde auch, dass die Berichterstattung der Medien, vor allem des Fernsehens, die ethische Position nicht genügend herausgestellt hat, dass der Vorgang viel zu technisch abgehandelt wurde. Stattdessen hätte der Betrüger viel mehr angeklagt werden müssen. Doch mit dem kleinen Irland kann man so umgehen.

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          Ein anderer Aufreger dieses Jahres: Was können wir aus dem Fall Pechstein lernen?

          Claudia Pechstein hat sich taktisch schlecht verhalten. Aber dass eine Athletin, die einmal der Liebling der Nation war, so zur Gehetzten wird, das ist schwer zu akzeptieren. Das ist ein Mensch, der eigentlich erst einmal Kredit verdient. An ihr ein Exempel zu statuieren, ohne dass dies wissenschaftlich völlig abgesichert wäre, halte ich für problematisch. Wenn diese Blutprofile in Zukunft ohne direkten Schuldbeweis für ein Dopingvergehen genommen werden sollen, dann müsste ihre wissenschaftliche Sicherheit absolut gegeben sein, und das ist wohl noch nicht der Fall.

          Wie sehen Sie prinzipiell die Siegchancen im Kampf gegen Doping?

          Die Dopingproblematik ist in ihrer rasanten Fortentwicklung nicht mehr in den Griff zu bekommen. Wenn wir Gendoping als nächste Stufe anschauen, dann ist das eine kaum vorstellbare Dimension, die man sich ganz deutlich vor Augen führen muss: Ein gen-gedopter Sportler ist als Mensch irreversibel verändert bis in seine Nachkommenschaft - und das ist dann eine grundsätzliche ethische Frage, besonders für die Kirchen. Sie müssten eine ganze Uniklinik marschieren lassen, wenn sie das wissenschaftlich in den Griff bekommen wollten. Der Sport in seiner derzeitigen Struktur ist außerdem mit den Kosten solcher Maßnahmen völlig überfordert. Wir laufen Dingen hinterher, die uns aus der Hand geschlagen worden sind, und wir verteidigen im Namen des Olympismus Werte, die von vielen nur noch als Alibi gesehen werden; sie mit Kindern in der Grundschule einzuüben ist sicher wichtig, die entscheidenden Zielgruppen werden nicht erreicht.

          Selbst wenn man das Problem national in den Griff bekommen würde, blieben im internationalen Maßstab immer noch Ungleichheiten. Wie steht es mit globaler Chancengleichheit?

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