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Athleten und Nachhaltigkeit : Warum nicht mal zu Hause bleiben?

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Ruderin, die sich für Wiederaufforstung des Chepalangu Forest in Kenia einsetzt: Carlotta Nwajide (Zweite von rechts) Bild: Reuters

Der internationale Volksbelustigungs­betrieb Leistungssport hat nach der Corona-Krise seine Reisetätigkeit wieder aufgenommen. Zurück zur Normalität ist das Ziel und nicht die Frage: Muss das sein?

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          Es ist aller Ehren wert, was die beiden Ruderinnen Carlotta Nwajide und Ronja Fini ins Leben gerufen haben: den Ruderwald. Als Mitglieder der Nationalmannschaft sind sie ständig unterwegs, im Trainingslager, zu Wettkämpfen, zu den Olympischen Spielen, und es ist ihnen klar geworden, wie exorbitant dadurch ihr CO₂-Fußabdruck ist.

          Um wenigstens einen Teil davon auszugleichen, sollen Freunde dieses Sports für die Wiederaufforstung eines Waldes na­mens Chepalangu Forest in Kenia spenden. Es wird wohl kaum genug für einen kompletten Ausgleich zu­sammenkommen. Aber: Löblich. An­dere tun gar nichts.

          Was dabei nachdenklich macht: Wer durch seine Reisen so sehr das Klima belastet, könnte doch eigentlich auch öfter zu Hause bleiben. Oder das System infrage stellen, das ihn beharrlich zu so vielen Reisen zwingt. Läge das nicht sogar näher als der Chepalangu Forest – für den man ja auch ohne ökologischen Ab­lasshandel spenden könnte?

          Aber, und das gilt auch außerhalb des Sports, kaum jemand will den eigenen Konsum in Frage stellen. Der internationale Volksbelustigungs­betrieb Leistungssport hat nach der Corona-Krise seine Reisetätigkeit längst wieder aufgenommen. Zurück zur Normalität ist das Ziel und nicht die Frage: Muss das sein?

          „Juwel am Ende der Welt“

          Die Multi-Sport-EM München 2022 lässt in Nicaragua pflanzen. Und der große Sportkonzern namens Internationales Olympisches Komitee ist sowieso längst auf solche Fragen vorbereitet. Man fährt saubere Autos und hat in Lausanne einen klimaneutralen Neubau hingestellt. Au­ßerdem geht in großem Stil Geld in Baumpflanzungen in der Sahel-Zo­ne. Bis zum Jahr 2024 will man klimapositiv sein. Seltsam ist, dass trotzdem jüngst die Sommerspiele 2032 nach Brisbane vergeben wurden, also laut Reisewerbung an ein „Juwel am Ende der Welt“.

          Preis­frage: Wie viel Tonnen Treibhausgas werden emittiert, wenn hunderttausend Menschen zu Olympischen Spielen und den Paralympics in Aus­tralien eingeflogen werden? Wie viel zuzüglich für die Reisen zu den di­versen Qualifikationen? Und, nächste Frage: Wieso eigentlich wurden Winter- und Sommerspiele nicht längst an einen festen Ort verlegt, wo nicht immer wieder aufs Neue Landschaft verbraucht werden muss? Und apropos: Wie viele Fußballstadien verträgt diese Welt eigentlich noch? Wie viele Massen-Expeditionen von Mann­schaften und Fans zu immer mehr Großturnieren in aller Herren Länder?

          Sportler und Sportverbände! Lasst weiter Bäume pflanzen, das kann nur gut sein. Aber an der Wurzel habt ihr das Problem damit noch nicht gepackt.

          Evi Simeoni
          Sportredakteurin.

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