https://www.faz.net/-gtl-9u75z

Sport in Deutschland : Olympia steht nur an zweiter Stelle

Olympiasymbol im Hamburger Stadtpark: Hier sagten die Bürger „No“ zur Bewerbung. Bild: dpa

Was hat Vorrang: All die maroden Sportstätten in Ordnung zu bringen oder lieber auf den Olympia-Zuschlag zu hoffen? Besser ist es, Menschen in Bewegung und damit zusammenzubringen. So könnte eine Basis für die Spiele in der Heimat entstehen.

          2 Min.

          Hamburg will nicht, Berlin sagt: nicht jetzt. Den Stand, besser: den Stillstand einer aktuellen Olympiabewerbung Deutschlands machte Alfons Hörmann deutlich, als er nach der Vollversammlung des deutschen Sports in Frankfurt, auf der Pressekonferenz zum Kehraus, während die meisten der Delegierten zum Bahnhof und zum Flughafen strebten, erstmals über den akuten Bewerbermangel für eine deutsche Kandidatur um Sommerspiele sprach. Rhein-Ruhr hatte der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes in der Versammlung erwähnt mit dem süffisanten Lob, Michael Mronz habe da eine schöne private Initiative für 2032 gestartet, Hut ab. Viel mehr als eine Idee ist es nicht, mit welcher der Sport-Impresario und Armin Laschet, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, durch ihr Land, durch Deutschland und gelegentlich auch zum Internationalen Olympischen Komitee nach Lausanne touren.

          Wollte der westlichste Westen Deutschlands sich wirklich gegen Brisbane und ein Dutzend weiterer Konkurrenten durchsetzen, bräuchte es nicht nur ein paar Großsportstätten, etwa für Schwimmer und Leichtathleten, sondern vor allem eine Zusage des Bundes, für Bauten, Infrastruktur und Sicherheit geradezustehen. Das kostet Milliarden. Diese war die Kanzlerin nicht bereit zu garantieren, als die Hamburger Olympia 2024 auf eine Elbinsel mitten in der Stadt holen wollten.

          Wenn nun Politiker für Olympia in Deutschland werben, dann vor allem als Symbol für Zukunftsfähigkeit. Die Logik ist fragwürdig: Hat das Land schon keine Fortüne dabei, neue Flughäfen, Bahnhöfe und Konzerthäuser zu bauen, soll es zum Beweis, dass es doch geht, die Modernisierung einer ganzen Region draufsetzen – Scheitern ausgeschlossen, denn der Termin Olympischer Spiele ist nicht verhandelbar. Wird nichts aus der Bewerbung für 2032, ist Pause. Kaum vorstellbar, dass eine deutsche Stadt, schon gar nicht Berlin, sich um die Spiele hundert Jahre nach denen bewirbt, die Adolf Hitler 1936 eröffnete und für seine Nazi-Propaganda nutzte.

          Sprinter – der politische Newsletter der F.A.Z.
          Sprinter – der Newsletter der F.A.Z. am Morgen

          Starten Sie den Tag mit diesem Überblick über die wichtigsten Themen. Eingeordnet und kommentiert von unseren Autoren.

          Mehr erfahren

          Den Wind aus den Segeln nehmen könnte all denen, die von Olympia in Deutschland träumen, zudem Horst Seehofers Versprechen eines Goldenen Plans III. Sollte der Sportfreund im Kabinett tatsächlich durchsetzen, schwarze Null hin, billiges Geld her, dass der Bund über Jahre Milliarden für die Modernisierung Hunderter, womöglich Tausender Sportstätten aufbringt, um dem gesellschaftlichen Zusammenhalt eine Basis im Sport zu bieten, wird es schwierig, gleichzeitig dem größten Sportereignis der Welt die Bühne zu bereiten.

          Was hat Vorrang: all die Sportstätten in Ordnung zu bringen, in die es durchs Dach regnet, in denen die Heizung seit Jahren ausgefallen ist und in die Mitglieder am Rollator über die bröselnde Treppe keinen Zugang haben? Oder auf ein Sommermärchen zu hoffen, auf das Vereinssportler stolz und begeistert, aber am Fernsehschirm blicken? Man ist geneigt, sich dafür auszusprechen, die Menschen in Bewegung und dadurch zusammenzubringen. So könnte, in der Zukunft, eine Basis für Olympia in der Heimat entstehen.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Folgen:

          Weitere Themen

          Borussias neuer „Heiland“? Video-Seite öffnen

          Haaland vor Heimdebüt : Borussias neuer „Heiland“?

          Der junge Stürmer aus Norwegen wird von vielen BVB-Fans beim öffentlichen Training beobachtet – sein Debüt am Wochenende hat große Hoffnungen geweckt. Ist Erling Haaland der neue „Heiland“ für die Borussia?

          Topmeldungen

          Ausrottung der Dinosaurier : Die Mutter der Katastrophen

          Das Massensterben der Dinosaurier und vieler anderer Arten vor 66 Millionen Jahren war sehr wahrscheinlich nicht hausgemacht. Neue Spuren führen weg von den großen Vulkanen – und hin zu einem einzelnen Ereignis.
          Der russische Oligarch Wjatscheslaw Mosche Kantor

          Auschwitz-Gedenken in Israel : Eine Bühne für Putin

          In Jerusalem erinnert das erste „Welt-Holocaust-Forum“ an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Ohne politische Verwerfungen läuft das nicht ab – ein russischer Oligarch spielt dabei eine pikante Rolle.
          Das Gefangenenlager der Vereinigten Staaten in Guantánamo auf Kuba (Archivbild)

          Psychologe über Waterboarding : „Ich würde es wieder tun“

          Der Psychologe James Mitchell hat die Folter des Waterboarding mitentwickelt und an Gefangenen angewandt. In einer Anhörung vor einem Militärgericht zeigte Mitchell keine Reue – er findet: Andere hätten die Grenzen überschritten.
          Das Bewusstsein für Tierwohl ist gestiegen

          Tierwohl : Wann fühlt sich die Kuh richtig gut?

          Den Deutschen ist das Tierwohl sehr wichtig. Ein verbindliches Siegel wird es aber erst einmal nicht geben. Dem steht schon das Europarecht entgegen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.