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Spitzensportförderung : Acht Millionen Schweigegeld

Acht Millionen Euro legt der Innenminister drauf auf sein Sportbudget. Jetzt muss eine öffentliche Diskussion darüber folgen, welchen Sport die Gesellschaft braucht und will.

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          Um zwanzig Prozent, könnte man nun kalauern, stockt Innenminister de Maizière die Spitzensportförderung des Bundes auf. Das ist natürlich ein böser Witz. Denn rund vierzig Millionen Euro mehr hatten die Leistungssportstrategen vom Staat gefordert, damit die deutsche Olympiamannschaft in Rio de Janeiro 2016 konkurrenzfähig bleibt - vierzig Millionen zusätzlich zu den 130 Millionen Euro, die der Innenminister Jahr für Jahr dem deutschen Sport überweist und von denen gut 110 Millionen in der Spitzensportförderung ankommen.

          Vierzig Millionen zusätzlich auch zu den angeblich nur dreißig Millionen, welche die achthundert Planstellen für Athleten und Trainer bei der Bundeswehr wert sind; vierzig Millionen zusätzlich zu den Spitzensport-Einheiten bei Bundespolizei und Zoll, die ebenfalls der Steuerzahler alimentiert, ganz zu schweigen von den polizeilichen Spitzensporteinheiten der Länder.

          Weniger als gefordert, mehr als erwartet

          Acht Millionen Euro, ein Fünftel des vermeintlichen Bedarfs, legt der Innen- und Sportminister nun drauf auf sein Sportbudget. Das ist weniger als gefordert, aber mehr als erwartet. Denn ihre Forderung hatten die Funktionäre nicht höflich und mit guten Argumenten unterfüttert in Berlin vorgetragen. Sie hatten intern ihren Bedarf erhoben, zu einer runden Summe addiert und drauf gewartet, dass irgendjemand ein Preisschild für die gewünschten Erfolge damit beschriftet.

          So überraschte die Publikation der Forderung Sportfreunde wie Sparfüchse in Öffentlichkeit, Politik und Regierung. Auch in diesem Licht wirkt der Aufschlag wie eine freundliche Geste, hatten doch de Maizière und sein Vorgänger Friedrich stets angedeutet, dass im Bundeshaushalt kein Spielraum für mehr Sport sei. Gleichwohl löst der Zuschlag nicht die Probleme des knapp kalkulierten Spitzensports. Vielmehr ist er ein Hinweis darauf, dass de Maizière die Bedürfnisse des Sports ernst nimmt - so ernst, dass er an seinem Plan festhalten wird, der Spitzensportförderung in Deutschland eine neue Struktur zu verpassen.

          Dafür sollen Stützpunkte geschlossen und Athletengruppen konzentriert werden, womöglich sogar eine Rangliste des Werts von Medaillen in verschiedenen Sportarten erstellt werden. Dieses Konzept, so effektiv wie möglich Staatsgeld in Goldmedaillen umzumünzen, soll in aller Stille entwickelt und Mitte 2015 vorgestellt werden.

          Dabei ist eine öffentliche Diskussion darüber, welchen Sport die Gesellschaft braucht und will, seit Jahren überfällig. Insofern sind die acht Millionen nicht nur der Vorschuss auf die Zinsen künftiger Organisationsgewinne. Sie sind auch Schweigegeld.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

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